Selbständige: Erstmals staatliche Förderung für die Altersvorsorge — was sich ändert
4,5 Millionen Selbständige waren bei Riester außen vor. Das ändert sich ab 2027.
Auf einen Blick
- Selbständige bei Riester Ausgeschlossen
- Selbständige beim Altersvorsorgedepot Voll förderfähig ab 2027
- Max. Grundzulage 540 Euro pro Jahr
- Voraussetzung Keine Pflichtmitgliedschaft in gesetzl. RV nötig
- Betroffene ca. 4,5 Millionen Selbständige in Deutschland
Eine der stillen Ungerechtigkeiten des deutschen Rentensystems hat sich nach der Reform des Altersvorsorgegesetzes vom März 2026 erledigt: Selbständige, die bisher keinen Zugang zu Riester-Förderung hatten, dürfen ab 2027 das neue Altersvorsorgedepot nutzen — und bekommen dieselbe staatliche Förderung wie Angestellte.
Das klingt nach einer technischen Änderung. Ist es nicht. Für Freiberufler, Unternehmer und Menschen in berufsständischen Versorgungswerken ist das der erste echte Zugang zu einer staatlich geförderten, kapitalmarktbasierten Altersvorsorge überhaupt. Was die Rürup-Rente nicht geschafft hat — nämlich eine einfache, verständliche und günstige Option zu sein — könnte das Altersvorsorgedepot liefern.
Warum Selbständige bei Riester außen vor waren
Riester war von Anfang an als Ergänzung zur gesetzlichen Rentenversicherung konzipiert. Wer Pflichtbeiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlte — also angestellte Arbeitnehmer, Beamte und bestimmte Berufsgruppen — war förderberechtigt. Selbständige, die nicht pflichtversichert sind, waren es nicht.
Das war kein Versehen, sondern eine politische Entscheidung: Riester sollte den Rückgang des Rentenniveaus bei Pflichtversicherten ausgleichen. Wer nicht im gesetzlichen System ist, hat diesen Rückgang nicht erlitten — zumindest in der Logik von 2001.
Die Realität sieht anders aus: Viele Selbständige in Deutschland haben kaum ausreichende Altersvorsorge. Betriebliche Einnahmen werden häufig reinvestiert, private Vorsorge bleibt liegen. Die Altersarmut unter Selbständigen ist eines der wachsenden sozialen Probleme, das in zehn bis fünfzehn Jahren sichtbar werden wird.
Was das Altersvorsorgedepot Selbständigen konkret bringt
Ab 2027 können Selbständige ein gefördertes Altersvorsorgedepot eröffnen — unabhängig davon, ob sie in der gesetzlichen Rentenversicherung sind oder nicht. Die Förderung ist identisch mit der für Angestellte: 50 Prozent auf die ersten 360 Euro Jahresbeitrag, 25 Prozent auf weitere 1.440 Euro. Maximal 540 Euro Grundzulage pro Jahr.
Bei einer Sparrate von 150 Euro monatlich zahlt man 1.800 Euro im Jahr ein. Der Staat gibt 540 Euro dazu. Das entspricht einem effektiven Zuschuss von 30 Prozent auf den Gesamtbeitrag. Für Selbständige, die bisher aus eigener Kraft sparen mussten, ist das eine bedeutende Verbesserung.
Dazu kommt die steuerliche Absetzbarkeit: Beiträge zum Altersvorsorgedepot können als Sonderausgaben geltend gemacht werden. Bei einem Steuersatz von 35 Prozent und einem Jahresbeitrag von 1.800 Euro sind das weitere rund 630 Euro Steuerersparnis — sofern man diese in der Einkommensteuererklärung geltend macht.
Altersvorsorgedepot vs. Rürup für Selbständige: Die Rürup-Rente ist steuerlich oft attraktiver für Gutverdiener mit hohem Grenzsteuersatz — weil der Steuervorteil proportional zur Beitragshöhe wächst. Das Altersvorsorgedepot ist flexibler: kein Verrentungszwang, ETFs möglich, Depot übertragbar. Für Selbständige mit mittlerem Einkommen ist das Altersvorsorgedepot in vielen Szenarien die bessere Wahl.
Was Selbständige jetzt konkret tun sollten
Erstens: Klären, ob man überhaupt rentenversicherungspflichtig ist. Manche Selbständige sind es — Künstler über die Künstlersozialkasse, bestimmte Handwerker, Lehrkräfte. Wer Pflichtbeiträge zahlt, ist ohnehin förderberechtigt und profitiert direkt von der Regelung.
Zweitens: Den Vergleich zwischen Altersvorsorgedepot und Rürup durchrechnen. Der Steuervorteil bei Rürup ist vor allem für Hochverdiener relevant. Bei einem zu versteuernden Einkommen unter 60.000 Euro ist das Altersvorsorgedepot oft die flexiblere und ebenso renditestarke Option.
Drittens: Nicht bis 2027 warten, um sich zu informieren. Wer jetzt schon versteht, wie die Förderung funktioniert und welche Anbieter infrage kommen, kann schnell handeln, sobald die ersten zertifizierten Depots verfügbar sind. Erfahrungsgemäß sind die günstigsten Produkte in den ersten Monaten oft noch nicht auf dem Markt — aber die ersten Angebote von Neobrokern wie Trade Republic oder Scalable Capital dürften zu den günstigsten gehören.
Das Altersvorsorgedepot ist keine Revolution. Aber für Selbständige schließt es eine strukturelle Lücke, die seit der Einführung von Riester im Jahr 2001 existiert. Wer diese Lücke in der eigenen Altersvorsorge hat, sollte sie ernst nehmen — und 2027 nutzen.
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