Die 4-Prozent-Regel — Wie lange hält das Depot?
Wer jährlich 4% seines Depot-Startwertes entnimmt, hält das Kapital in fast allen historischen Szenarien 30 Jahre. Was dahinter steckt, wo die Grenzen liegen und wie das für deutsche Anleger mit gesetzlicher Rente funktioniert.
Key Facts: 4-Prozent-Regel
- Herkunft: William Bengen (1994) + Trinity-Studie (1998), basierend auf US-Daten 1926–1995
- Regel: Jährlich 4% des Startdepots entnehmen, danach inflationsbereinigt anpassen
- Erfolgsrate: 95%+ in 30-jährigen historischen Szenarien (Aktien + Anleihen, USA)
- Für Deutschland: Eher 3,3–3,5% empfohlen (internationale Studien seit 2020)
- x25-Formel: Jahresbedarf × 25 = benötigtes Startkapital
Was besagt die 4-Prozent-Regel?
Im Jahr 1994 untersuchte der Finanzplaner William Bengen erstmals systematisch, wie viel ein Rentner aus seinem Depot entnehmen kann, ohne es in 30 Jahren aufzubrauchen. Sein Ergebnis: Bei einem Portfolio aus Aktien und Anleihen war eine jährliche Entnahme von 4% des Startkapitals in historisch fast allen Szenarien nachhaltig.
Die Regel funktioniert so: Im ersten Jahr nimmst du exakt 4% heraus. In den Folgejahren passt du den absoluten Betrag um die Inflation an — du berechnest die 4% nicht jedes Jahr neu vom aktuellen Depotwert. Das ist der entscheidende Punkt: Du entnimmst weniger, wenn der Markt fällt, und lässt mehr im Depot stehen, wenn er steigt.
| Startdepot | 4% jährlich | Monatlich | Haltbarkeit (historisch) |
|---|---|---|---|
| 200.000 EUR | 8.000 EUR | 667 EUR | 30 Jahre: ~95% Erfolg |
| 300.000 EUR | 12.000 EUR | 1.000 EUR | 30 Jahre: ~95% Erfolg |
| 500.000 EUR | 20.000 EUR | 1.667 EUR | 30 Jahre: ~95% Erfolg |
| 750.000 EUR | 30.000 EUR | 2.500 EUR | 30 Jahre: ~95% Erfolg |
| 1.000.000 EUR | 40.000 EUR | 3.333 EUR | 30 Jahre: ~95% Erfolg |
Die Trinity-Studie — Was die Forschung zeigt
1998 veröffentlichten drei Professoren der Trinity University die nach ihr benannte Studie. Sie testeten verschiedene Portfolio-Zusammensetzungen (100% Aktien, 75/25, 50/50, 25/75 Aktien/Anleihen) über alle rollierenden 30-Jahres-Zeiträume von 1926 bis 1995.
Zentrale Ergebnisse:
- Bei 4% Entnahmerate und mind. 50% Aktienanteil: Erfolgsrate von 95–100% über alle getesteten Perioden
- Bei 5% Entnahmerate: Erfolgsrate fällt auf 80% — in 1 von 5 Fällen war das Geld nach 30 Jahren weg
- Reine Anleihen-Portfolios schnitten schlechter ab als Aktien-Portfolios — trotz geringerer Schwankungen
- Nur der Start direkt vor der Weltwirtschaftskrise 1929 stellte die 4%-Regel vor ernsthafte Probleme
Die x25-Formel: Wie viel Depot brauchst du?
Die 4%-Regel lässt sich umdrehen: Wenn du 4% entnehmen kannst, brauchst du das 25-fache deines jährlichen Entnahmebedarfs als Startkapital. Das ist die "x25-Formel", die besonders in der FIRE-Bewegung beliebt ist.
Beispiel: Du brauchst 1.500 EUR/Monat aus dem Depot → 18.000 EUR/Jahr × 25 = 450.000 EUR
Hast du eine gesetzliche Rente als Basis, verringert sich der nötige Depot-Anteil entsprechend (mehr dazu weiter unten).
Das größte Risiko: Sequence of Returns
Das gefährlichste Szenario für die 4%-Regel ist ein massiver Markteinbruch in den ersten 5–10 Jahren der Entnahme. Warum ist der Zeitpunkt so wichtig?
Konkretes Beispiel: Anna geht 2000 mit 500.000 EUR in Rente und entnimmt jährlich 20.000 EUR (4%). Der Dotcom-Crash halbiert ihr Depot fast, die Finanzkrise 2008 trifft sie erneut — und gleichzeitig verkauft sie jedes Jahr Anteile. Ihr Depot schrumpft nicht nur durch Kursverluste, sondern auch durch die Entnahmen. Die spätere Erholung ab 2009 wirkt auf eine viel kleinere Basis.
Peter hingegen geht 2003 mit denselben 500.000 EUR in Rente — direkt nach dem Tiefpunkt. Er profitiert von der Erholung und hat nach 30 Jahren noch mehr Kapital als zu Beginn.
Schutzstrategien gegen Sequence Risk:
- 2–3-Jahres-Puffer: Halte 40.000–60.000 EUR auf Tagesgeld — in Crashphasen lebst du davon, ohne Aktien zu verkaufen
- Flexible Entnahme: In Jahren mit >20% Kursrückgang nur 2–3% entnehmen, aus dem Puffer ergänzen
- Bucket-Strategie: Drei Töpfe (Sicher / Mittel / Wachstum) für verschiedene Zeithorizonte — ausführlich erklärt in Bucket-Strategie für die Rente
Gilt die 4-Prozent-Regel für Deutschland? (3,5%-Empfehlung)
Die Trinity-Studie basiert auf US-Marktdaten — und der US-Aktienmarkt hatte historisch überdurchschnittliche Renditen. Neuere internationale Studien zeigen:
- Morningstar-Studie 2021: Für globale Portfolios empfiehlt sich 3,3–3,5% als "sicherer" Wert für 30 Jahre
- Bei 40+ Jahren Planungshorizont (früher Renteneintritt, hohes Alter): Eher 3,0–3,5%
- Wer flexible Entnahmen praktiziert (in schlechten Jahren weniger), kann auch mit 4% gut arbeiten
- Steuern nicht vergessen: Im deutschen Altersvorsorgedepot wird die Entnahme mit dem persönlichen Einkommensteuersatz besteuert — das senkt die effektive Entnahme
Mehr zur vollständigen Entnahmephase im Depot — inklusive Auszahlungsplan, Bucket-Strategie und Steuern.
Flexible Entnahme: Die "Guardrails"-Methode
Statt starr 4% zu entnehmen, reagierst du auf Marktentwicklungen:
| Marktlage | Entnahme | Begründung |
|---|---|---|
| Normales Jahr (±10%) | 4,0 % des Startwertes | Basisplan |
| Gutes Jahr (+20% oder mehr) | 4,5–5,0 % | Puffer aufbauen, mehr genießen |
| Schlechtes Jahr (−20% oder mehr) | 2,5–3,0 % | Aus Tagesgeld-Puffer ergänzen |
| Crash-Jahr (−40% oder mehr) | Nur aus Puffer leben | Keine Aktien verkaufen |
Diese Methode erhöht die historische Erfolgsrate deutlich und ermöglicht im Durchschnitt sogar höhere Lebensstandards als die starre 4%-Regel.
4%-Regel kombiniert mit gesetzlicher Rente
Die meisten deutschen Anleger haben eine gesetzliche Rente als Basis. Das verändert die Rechnung erheblich — und macht das benötigte Depotvermögen deutlich erreichbarer:
Monatlicher Bedarf: 2.200 EUR
Gesetzliche Rente: 1.400 EUR
Bedarf aus dem Depot: 800 EUR/Monat = 9.600 EUR/Jahr
Benötigtes Depot (x25): 240.000 EUR — kein Millionenvermögen nötig
Wer frühzeitig mit dem Berechnen der Rentenlücke beginnt, kann gezielt auf das nötige Depotvermögen sparen — im Depot-Rechner sofort berechnen.
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Was ist die 4-Prozent-Regel einfach erklärt?
Du nimmst jährlich 4% deines Startdepots heraus — und passt diesen Betrag jedes Jahr nur an die Inflation an, nicht neu an den aktuellen Depotwert. Bei 500.000 EUR Startdepot = 20.000 EUR/Jahr = 1.667 EUR/Monat. Die Trinity-Studie (1998) hat gezeigt: Dieses Schema hielt in über 95% aller historischen 30-Jahres-Szenarien, ohne dass das Depot auf null fiel.
Gilt die 4-Prozent-Regel auch für Deutschland?
Eingeschränkt. Die Trinity-Studie basiert auf US-Marktdaten, die historisch überdurchschnittlich gut waren. Neuere Studien (Morningstar 2021, Kitces Research) empfehlen für europäische Anleger mit globalem Portfolio eher 3,3–3,5% als sicheren Wert. Wer 40+ Jahre plant statt 30, sollte ebenfalls auf 3,5% gehen. Wer flexibel in schlechten Jahren weniger entnimmt, kann bei 4% bleiben.
Was ist das Sequence-of-Returns-Risiko?
Das größte Risiko der 4%-Regel: Ein schwerer Börsencrash in den ersten 5–10 Jahren der Entnahme. Wer 2000 mit 500.000 EUR in Rente gegangen ist und jährlich 20.000 EUR entnommen hat, musste die Dotcom-Krise (-40%) und Finanzkrise 2008 (-50%) mit schrumpfender Basis durchstehen. Strategie dagegen: 2–3 Jahresausgaben in Tagesgeld als Puffer halten, sodass du in Crashphasen keine Aktien verkaufen musst.
Wie viel Depot brauche ich für die 4-Prozent-Regel?
Formel: Jahresbedarf aus dem Depot × 25 = benötigtes Startkapital (das ist das Inverse der 4%-Regel). Brauchst du 1.000 EUR/Monat (12.000 EUR/Jahr) aus dem Depot, brauchst du 300.000 EUR. Bei 2.000 EUR/Monat sind es 600.000 EUR. Hast du eine gesetzliche Rente von 1.400 EUR und brauchst 2.200 EUR, reichen nur 800 EUR × 12 × 25 = 240.000 EUR Depot.
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