Im Jahr 1994 veröffentlichten William Bengen und kurz danach die "Trinity-Studie" eine bahnbrechende Erkenntnis: Ein Portfolio aus 50-75% Aktien und 25-50% Anleihen hielt in historisch fast allen Szenarien über 30 Jahre, wenn die jährliche Entnahme 4% des Startkapitals nicht überstieg. Die 4%-Regel wurde zum Goldstandard der FIRE-Bewegung und der Ruhestandsplanung.
Was besagt die 4-Prozent-Regel?
Die Regel ist einfach: Multipliziere dein Startdepot mit 4% — das ist dein jährliches Entnahme-Budget. Im ersten Jahr nimmst du exakt 4% heraus, danach passt du den Betrag jährlich an die Inflation an (nicht erneut 4% des aktuellen Depotwerts).
Beispiele:
| Startkapital | Jährliche Entnahme (4%) | Monatliche Entnahme |
|---|---|---|
| 300.000 EUR | 12.000 EUR/Jahr | 1.000 EUR/Monat |
| 500.000 EUR | 20.000 EUR/Jahr | 1.667 EUR/Monat |
| 750.000 EUR | 30.000 EUR/Jahr | 2.500 EUR/Monat |
| 1.000.000 EUR | 40.000 EUR/Jahr | 3.333 EUR/Monat |
Die Trinity-Studie — Was die Forschung zeigt
Die Trinity-Studie testete verschiedene Portfolios (Aktien+Anleihen) über 30-jährige rollierende Zeiträume von 1926-1995. Ergebnis bei 4% Entnahme: 95%+ Erfolgsrate über alle getesteten 30-Jahres-Perioden. Nur in sehr ungünstigen Starts (direkt vor der Weltwirtschaftskrise) scheiterten manche Szenarien.
Das groesste Risiko: Sequence of Returns
Das gefährlichste Szenario für die 4%-Regel ist ein massiver Markteinbruch in den ersten 5-10 Jahren der Entnahme. Wenn das Depot zu Beginn um 40% fällt und man gleichzeitig entnimmt, schrumpft die Basis so stark dass spätere Erholungen nicht mehr ausreichen.
Gegenstrategie: In den ersten Jahren der Entnahme einen "Sicherheitspuffer" in sicheren Anlagen (Tagesgeld, kurzläufige Anleihen) halten der 2-3 Jahre Entnahmen deckt — ohne Aktien verkaufen zu müssen.
Gilt die 4-Prozent-Regel fuer Deutschland?
Die Trinity-Studie basiert auf US-Marktdaten. Für internationale Anleger gibt es Einschränkungen:
- Der US-Aktienmarkt hatte historisch überdurchschnittliche Renditen — globale Portfolios hatten etwas schlechtere Erfolgsquoten
- Neuere Studien (z.B. Morningstar 2021) empfehlen für europäische Anleger 3,3-3,5% als konservativere Entnahmerate
- Wer 40 Jahre plant statt 30, sollte auf 3,5% heruntergehen
- Wer flexible Entnahmen (in schlechten Jahren weniger entnehmen) praktiziert, kann bei 4% bleiben
Die flexible Entnahme als Verbesserung
Statt starr 4% zu entnehmen, können Anleger flexibel reagieren:
- Gutes Börsenjahr: 4-5% entnehmen
- Schlechtes Börsenjahr (>20% Minus): Nur 2-3% entnehmen oder aus Tagesgeld-Puffer leben
Diese "guardrails"-Methode erhöht die Erfolgsrate deutlich und erlaubt höhere durchschnittliche Entnahmen.
4-Prozent-Regel neben der gesetzlichen Rente
Die meisten deutschen Anleger haben eine gesetzliche Rente als Grundlage. Das verändert die Rechnung erheblich: Wenn die gesetzliche Rente bereits 1.200 EUR/Monat deckt und man 2.000 EUR monatlich braucht, müssen nur 800 EUR/Monat aus dem Depot kommen — das sind 9.600 EUR/Jahr. Bei 4% Entnahmerate reichen dafür bereits 240.000 EUR Depot. Das ist ein realistisches Ziel für viele Sparer.
Fazit: 4% ist ein guter Ausgangspunkt, 3,5% ist sicherer
Die 4%-Regel ist keine Garantie — sie ist ein historisch gut belegter Richtwert. Für 30-jährige Rentenphasen mit globalem Aktienportfolio funktioniert sie in über 90% der historischen Szenarien. Wer konservativer plant, nimmt 3,5%. Wer flexibel in schlechten Jahren reduziert, kann auch mit 4% sicher arbeiten. Kombiniert mit der gesetzlichen Rente reichen für die meisten Deutschen 300.000-500.000 EUR Depotvermögen für einen komfortablen Ruhestand.