Immer mehr Anleger wollen ihr Depot mit ihren Werten in Einklang bringen — keine Rüstungsaktien, keine Kohlekraftwerke, keine Kinderarbeit. ESG-ETFs (Environmental, Social, Governance) bieten das an. Aber was kostet es in der Rendite? Und was bedeutet "nachhaltig" eigentlich wirklich?
Was ESG bedeutet — und was nicht
ESG steht für:
- Environmental: Umwelt (CO2-Emissionen, Wasserverbrauch, Kreislaufwirtschaft)
- Social: Soziales (Arbeitsbedingungen, Menschenrechte, Lieferkette)
- Governance: Unternehmensführung (Vorstandsstruktur, Transparenz, Korruption)
ESG-Ratings werden von spezialisierten Ratingagenturen vergeben (MSCI ESG Research, Sustainalytics, ISS). Unternehmen bekommen Punkte — und Fonds die Unternehmen unter einem bestimmten Score ausschließen, heißen ESG-Fonds.
Das Problem: ESG-Ratings sind nicht standardisiert. Zwei Agenturen können dasselbe Unternehmen völlig unterschiedlich bewerten. Tesla hat bei manchen Agenturen ein schlechtes ESG-Rating (Governance, Arbeitsbedingungen) — bei anderen ein gutes (Elektroautos = gut fürs Klima). Das ist keine Schwäche der Idee, aber es ist eine schwache Umsetzung.
Arten nachhaltiger ETFs
1. ESG-gefilterter ETF: Basis-Index (z.B. MSCI World) minus Unternehmen die unter einem ESG-Score-Schwellenwert liegen oder in Ausschlusslisten (Waffen, Tabak, Kohle) tauchen. Ergebnis: Etwas weniger Unternehmen als der normale Index. Größte Gruppe.
2. SRI-ETF (Socially Responsible Investment): Strengere Ausschlusskriterien als ESG. Werden typischerweise nur die besten 25 % nach ESG-Score eines Index aufgenommen ("Best-in-Class"). Deutlich weniger Unternehmen.
3. Thematische ESG-ETFs: Spezifisch auf ein Thema — Clean Energy, Green Bonds, Wassertechnologie. Konzentriert, sektoral, höheres Risiko.
4. Impact Investing ETFs: Investieren nur in Unternehmen die direkt positive Wirkung nachweisen (z.B. Microfinance, Healthcare in Entwicklungsländern). Sehr nischig, oft wenig liquide.
Performance: ESG vs. MSCI World
| Index | 5 Jahre p.a. | 10 Jahre p.a. | 2022 (Inflationsjahr) |
|---|---|---|---|
| MSCI World (Standard) | +11,8 % | +10,4 % | −18,5 % |
| MSCI World ESG Leaders | +12,1 % | +10,7 % | −16,8 % |
| MSCI World SRI | +12,4 % | +10,9 % | −17,1 % |
| MSCI World Climate Paris Aligned | +13,2 % | — | −15,2 % |
Überraschend: ESG-ETFs haben in den letzten 5–10 Jahren leicht besser abgeschnitten als der Standard-MSCI-World. Warum? Mehrere Gründe:
- ESG schließt Kohle, Öl und Gas aus — diese Sektoren haben in der Niedrigzinsphase schwach performt
- ESG-Unternehmen haben oft höhere Qualitäts-Scores — weniger Governance-Probleme, stabiler
- Tech-Unternehmen (die gut laufen) haben oft gute ESG-Scores
Diese Überrendite ist nicht garantiert und könnte sich umkehren — z.B. wenn Energie-Aktien (die ESG ausschließt) stark steigen.
Kosten: ESG ist teurer
| ETF | ISIN | TER |
|---|---|---|
| Xtrackers MSCI World Swap (Standard) | IE00BJ0KDQ92 | 0,12 % |
| iShares MSCI World ESG Leaders | IE00BHZPJ569 | 0,20 % |
| Xtrackers MSCI World ESG Screened Swap | IE00BJDPCT82 | 0,17 % |
| iShares MSCI World SRI | IE00BYX2JD69 | 0,20 % |
| Amundi MSCI World Climate Paris Aligned | LU2198882362 | 0,18 % |
ESG-ETFs kosten 0,05–0,10 % mehr als der günstigste MSCI World. Bei 100.000 Euro Depot: 50–100 Euro mehr pro Jahr — über 30 Jahre rund 5.000–10.000 Euro entgangener Zinseszins. Das ist real, aber bei der bisherigen ESG-Überrendite mehr als kompensiert.
Greenwashing: Was du beachten musst
Nicht jeder "nachhaltiger ETF" ist tatsächlich nachhaltig. Warnzeichen:
- Nur ausgeschlossen: Kontroverse Waffen — das tun fast alle ETFs schon freiwillig. Das allein macht keinen ESG-ETF.
- ESG-Leader die Ölkonzerne halten: Möglich wenn der Ölkonzern einen hohen Governance-Score hat. "ESG" bedeutet nicht "kein Öl".
- Artikel-8 vs. Artikel-9 (SFDR): EU-Regulierung unterscheidet zwischen "berücksichtigt ESG" (Art. 8) und "nachhaltiges Investment als Ziel" (Art. 9). Für konsequente Nachhaltigkeitsstrategie: Art. 9 bevorzugen.
ESG im Altersvorsorgedepot
Das Altersvorsorgedepot ab 2027 wird voraussichtlich ESG-ETFs als zugelassene Anlagen enthalten. Die genaue Liste steht noch aus — aber regulatorischer Druck (EU-Taxonomie, SFDR) und politischer Wille sprechen dafür, dass ESG-ETFs im AVD gleichberechtigt neben Standard-ETFs stehen werden.
Fazit: ESG ist keine Rendite-Falle
Die Befürchtung "ESG kostet Rendite" ist historisch bisher nicht eingetreten — eher das Gegenteil. ESG-ETFs haben mit leicht höheren Kosten dennoch leicht besser abgeschnitten. Das ist kein Naturgesetz — aber auch kein Opfer.
Wer mit seinen Werten investieren will: ESG-ETFs sind eine valide Option für die Altersvorsorge. Wer maximale Diversifikation und minimale Kosten will: Standard-MSCI-World. Beide Ansätze funktionieren langfristig — die Rendite-Differenz ist geringer als der emotionale Unterschied.
Mehr zum Thema ETF-Auswahl: MSCI World vs. FTSE All-World.