Fast jeder Arbeitnehmer in Deutschland hat einen Anspruch auf betriebliche Altersvorsorge (bAV) — und trotzdem haben viele keinen Vertrag. Gleichzeitig wird das Altersvorsorgedepot 2027 eine neue attraktive Option. Welcher Weg ist besser? Oder sollte man beides nutzen?
Was ist die betriebliche Altersvorsorge?
Bei der bAV zahlt der Arbeitgeber Beiträge in eine Altersvorsorge für den Arbeitnehmer — entweder aus Arbeitgebermitteln oder durch Gehaltsumwandlung (Entgeltumwandlung). Seit 2019 ist der Arbeitgeberzuschuss Pflicht: Wenn ein Arbeitnehmer via Entgeltumwandlung bAV anspart, muss der Arbeitgeber mindestens 15 % des umgewandelten Betrags dazugeben — sofern er durch die Entgeltumwandlung Sozialversicherungsbeiträge spart.
Die bAV kann in verschiedenen Formen laufen: Direktversicherung (häufigste Form), Pensionskasse, Pensionsfonds, Direktzusage, Unterstützungskasse. Für die meisten Arbeitnehmer ist die Direktversicherung relevant — das ist eine Lebensversicherung auf den Arbeitnehmer die der Arbeitgeber abschließt.
Steuervorteile der bAV
Der Hauptvorteil der bAV liegt in der steuerlichen Behandlung in der Ansparphase:
- Beiträge bis 604 Euro/Monat (2026) sind steuer- und sozialversicherungsfrei
- Bis 302 Euro/Monat auch sozialversicherungsfrei
- Das klingt gut — aber: In der Auszahlungsphase werden die Leistungen voll besteuert (nachgelagerte Besteuerung) und Kranken-/Pflegeversicherungsbeiträge fallen an
Der Steuereffekt in der Ansparphase ist real — aber er wird in der Entnahmephase zum Teil wieder rückgängig gemacht. Wer heute in der höchsten Steuerklasse spart und später in der Rente deutlich weniger verdient, gewinnt. Wer am Ende ähnliche Steuersätze hat: Der Effekt ist geringer als er aussieht.
Vergleich: bAV vs. Altersvorsorgedepot
| Kriterium | Betriebliche Altersvorsorge | Altersvorsorgedepot (ab 2027) |
|---|---|---|
| Steuerfreiheit Ansparphase | Bis 604 Euro/Monat steuerfrei | Sonderausgabenabzug bis bestimmte Grenze |
| Arbeitgeberzuschuss | Mindestens 15 % Pflicht | Kein Arbeitgeberzuschuss vorgesehen |
| Staatliche Zulage | Keine | 540 Euro/Jahr Grundzulage + Kinderzulagen |
| Kostenstruktur | Oft intransparent (Versicherungskosten, Verwaltung) | Maximal 1 % TER gesetzlich gedeckelt |
| Anlagefreiheit | Eingeschränkt (Versicherungsprodukt) | Breite ETF-Palette frei wählbar |
| Portabilität bei Jobwechsel | Möglich, aber oft kompliziert | Unabhängig vom Arbeitgeber |
| Vererbbarkeit | Eingeschränkt | Vollständig vererbbar |
| Renditeerwartung | 2–4 % p.a. (Direktversicherung) | 5–8 % p.a. (ETF-Portfolio) |
Der Arbeitgeberzuschuss: Das entscheidende Argument für bAV
Wenn dein Arbeitgeber freiwillig mehr als 15 % zuschießt — oder gar den vollen Beitrag übernimmt — ist die bAV nahezu unschlagbar. Selbst bei schlechten Renditen macht ein 50 %-Zuschuss des Arbeitgebers aus jedem Euro den du einzahlst sofort 1,50 Euro. Das ist eine garantierte 50 %-Rendite vor dem ersten Markttag.
Faustregel: Wenn der Arbeitgeber mehr als 20 % zuzahlt: bAV nutzen — mindestens bis zur Höhe des Zuschusses. Darüber hinaus: Altersvorsorgedepot erwägen.
Wenn der Arbeitgeber nur die gesetzlichen Mindest-15 % zahlt und der Vertrag teuer ist: Das AVD kann die bessere Wahl sein.
Was bei Jobwechsel passiert
Das ist die Achillesferse der bAV: Bei einem Arbeitgeberwechsel läuft der bAV-Vertrag nicht einfach weiter. Optionen:
- Mitnahme (Portabilität): Der neue Arbeitgeber übernimmt den Vertrag — theoretisch. Praktisch weigern sich viele Arbeitgeber oder haben andere Vertragspartner.
- Beitragsfreistellen: Kein weiteres Einzahlen, angesparte Summe bleibt. Aber: Die Versicherungskosten laufen weiter und fressen langsam das Kapital.
- Abfindung (Kleinstanwartschaften): Bei sehr kleinen Beträgen möglich, aber mit Steuer- und Zulagenrückzahlung verbunden.
Das Altersvorsorgedepot hat dieses Problem nicht: Es gehört dir, ist unabhängig vom Arbeitgeber, und läuft durch jeden Jobwechsel hindurch.
Konkrete Empfehlung: Was tun?
Wenn du eine bAV mit Arbeitgeberzuschuss über 20 % hast: Nutze sie — mindestens bis zur Höhe des Zuschusses. Danach: Altersvorsorgedepot ab 2027 als zweiten Baustein.
Wenn du eine teure Direktversicherung ohne nennenswerten Zuschuss hast: Prüfe die Kosten. Wenn TER-äquivalente Kosten über 1,5 % liegen: AVD möglicherweise besser. Spreche mit dem Anbieter über Optionen.
Wenn du keine bAV hast: Warte auf 2027 und starte das Altersvorsorgedepot — das ist der einfachere, transparentere, flexiblere Weg.
Wenn du Selbstständiger bist: bAV nicht möglich (kein Arbeitgeber). Das AVD ist dein Hauptinstrument — neben Rürup-Rente die für Selbstständige weiterhin interessant ist.
Fazit: Kein entweder-oder, sondern Prioritäten setzen
bAV und Altersvorsorgedepot schließen sich nicht aus — sie ergänzen sich. Der Arbeitgeberzuschuss ist das entscheidende Argument für die bAV. Die Transparenz, Kostenkontrolle und Renditechance sprechen für das AVD. Wer kann, nutzt beides: bAV bis zur Grenze des Zuschusses, AVD für den Rest.
Mehr Überblick: Riester vs. Altersvorsorgedepot und Vorsorgerechner mit Vergleich.