In der Finanzliteratur gilt das 60/40-Portfolio — 60% Aktien, 40% Anleihen — seit Jahrzehnten als Allwetter-Lösung für Altersvorsorge-Anleger. Hinter diesem Konzept steckt eine einfache Idee: Anleihen fallen seltener wenn Aktien fallen, und umgekehrt. Doch die Niedrigzinsphase 2010-2021 hat die Rolle von Anleihen dramatisch verändert — und 2022 versagten Anleihen als Puffer gleich ganz.
Was sind Anleihen-ETFs?
Anleihen (Bonds) sind Schuldverschreibungen: Ein Staat oder Unternehmen leiht sich Geld von Investoren und zahlt dafür Zinsen (Kupon). Anleihen-ETFs bündeln hunderte oder tausende solcher Anleihen in einem Fonds. Die wichtigsten Kategorien:
| Typ | Beispiel ETF (ISIN) | Rendite (ca.) | Risiko |
|---|---|---|---|
| Staatsanleihen Eurozone | iShares Core Euro Govt Bond (IE00B4WXJJ64) | 2-3% | Gering |
| Staatsanleihen USA (hedged) | iShares $ Treasury Bond 7-10yr (IE00B1FZS798) | 3-4% | Gering + Währung |
| Globale Staatsanleihen | Vanguard Global Bond (IE00BGYWT403) | 3-4% | Mittel |
| Unternehmensanleihen IG | iShares Core Corp Bond (IE00B3F81R35) | 3-4% | Mittel |
| High Yield (Junk Bonds) | iShares € High Yield Corp Bond (IE00B66F4759) | 5-7% | Hoch |
Das 60/40-Portfolio — Bewährt oder veraltet?
Das klassische 60/40-Portfolio hatte eine lange Erfolgsgeschichte (1980-2020) weil Zinsen von 15% auf 0% fielen — fallende Zinsen = steigende Anleihenkurse. Das war ein 40-jähriger Rückenwind der nicht wiederholbar ist.
2022 zeigte das Versagen: Aktien -18%, Anleihen ebenfalls -15% bis -20%. Das 60/40-Portfolio verlor ca. 17% — kein Puffer, kein Schutz. Trotzdem: Langfristig bieten Anleihen in einem funktionierenden Zinsumfeld echte Diversifikation.
Wann Anleihen sinnvoll sind
Anleihen helfen in diesen Situationen:
- 5-10 Jahre vor Rente: Wenn der Depoteinbruch von 50% ein dauerhaftes Problem wäre (weil man verkaufen müsste), schützen Anleihen das Kapital. Stichwort: Sequence-of-Returns-Risiko.
- Niedrige Risikotoleranz: Wer einen 40%-Absturz nicht aussitzen kann, sollte Anleihen beimischen — auch wenn Rendite verloren geht.
- Kurzfristige Entnahmen geplant: Wer in 3-5 Jahren auf das Kapital angewiesen ist, sollte diesen Teil in Anleihen oder Tagesgeld halten.
Wann Anleihen unnötig sind
Für einen 30-jährigen Anleger mit einem Zeithorizont von 35 Jahren sind Anleihen renditebremsend ohne erkennbaren Nutzen. Historisch haben 100%-Aktienportfolios über 30+ Jahre immer besser abgeschnitten als gemischte Portfolios — weil jeder Einbruch langfristig aufgeholt wurde.
Faustregel: Anleihenanteil ≈ Alter in Prozent (also mit 40: 40% Anleihen, 60% Aktien) ist eine konservative Daumenregel. Viele moderne Anlagekonzepte empfehlen für jüngere Anleger stattdessen 0-20% Anleihen.
Kurzlaufende vs. langlaufende Anleihen
Wichtig bei Anleihen-ETFs: die Duration (durchschnittliche Restlaufzeit).
- Kurzlaufend (1-3 Jahre): Kaum Zinssensitivität, stabiler als Geld. Nähe an Tagesgeld.
- Mittellaufend (5-10 Jahre): Klassische Portfolio-Beimischung
- Langlaufend (10-30 Jahre): Stark zinssensitiv. 2022 brachen 20-Year-US-Treasuries um 35% ein.
Für Altersvorsorge-Beimischungen sind kurz- bis mittellaufende Anleihen-ETFs die bessere Wahl als langlaufende.
Tagesgeld als Anleihen-Ersatz
Wer keine Anleihen-ETF-Komplexität will, kann den "sicheren Teil" einfach als Tagesgeld oder Festgeld halten. Bei 3-4% Tagesgeld-Zinsen (2023-2024) war das nicht schlechter als kurze Anleihen-ETFs. Der Vorteil: kein Kursrisiko, sofort verfügbar, vollständig einlagensichert bis 100.000 EUR.
Fazit: Anleihen ja — aber gezielt und zeitlich passend
Anleihen-ETFs sind kein Selbstzweck. Für Anleger unter 50 mit langem Horizont: maximal 10-20% Beimischung wenn überhaupt. Für Anleger ab 55-60 die in der Entnahmephase sind oder diese planen: sinnvolle Risikoreduktion für den Anteil der in den nächsten 5 Jahren entnommen wird. Für alle anderen gilt: Tagesgeld und ein globaler Aktien-ETF reichen für die meisten Altersvorsorge-Situationen vollständig aus.