Riester kündigen: Wann es sich lohnt — und was es wirklich kostet
Millionen Deutsche fragen sich gerade, ob sie ihren Riester-Vertrag kündigen sollen. Die Antwort hängt von drei Faktoren ab.
Auf einen Blick
- Riester-Verträge in Deutschland ca. 15,6 Millionen (Stand 2024)
- Davon ruhend gestellt über 4 Millionen Verträge
- Bei Kündigung: Förderrückzahlung Zulagen + Steuervorteile zurück an den Staat
- Beitragsfrei stellen Keine Rückzahlung, aber Kosten laufen weiter
- Alternative Altersvorsorgedepot ab 2027 als Ersatz
Im Jahresbericht des Bundesfinanzministeriums zur Riester-Förderung steht eine ernüchternde Zahl: Von den rund 15,6 Millionen Riester-Verträgen sind über vier Millionen ruhend gestellt — das heißt, die Inhaber zahlen nicht mehr ein, lassen den Vertrag aber bestehen. Sie wissen nicht, was sie damit anfangen sollen. Kündigen? Behalten? Auf das Altersvorsorgedepot warten?
Die Frage ist berechtigt. Riester hat enttäuscht — zu hohe Kosten, zu geringe Renditen, zu viel Bürokratie. Aber kündigen ist nicht automatisch die richtige Antwort.
Was bei einer Kündigung passiert
Wer einen Riester-Vertrag kündigt, muss alle staatlichen Zulagen und die steuerlichen Vorteile zurückzahlen. Das klingt drastisch, ist aber kalkulierbar. Die Grundzulage beträgt 175 Euro pro Jahr, die Kinderzulage 300 Euro pro Kind pro Jahr (für nach 2008 geborene Kinder). Wer seit zehn Jahren einzahlt und zwei Kinder hat, hat über 10.000 Euro Förderung erhalten — die bei Kündigung vollständig zurückgehen.
Dazu kommen die steuerlichen Vorteile: Riester-Beiträge können bis zu 2.100 Euro pro Jahr als Sonderausgaben abgesetzt werden. Wer den Steuervorteil über viele Jahre genutzt hat, muss diesen bei Kündigung zwar nicht pauschal zurückzahlen — aber das ausgezahlte Kapital wird vollständig nachgelagert versteuert. Das ist der sogenannte "schädliche Verwendung"-Effekt.
Faustregel Kündigung: Wenn du weniger als 5 Jahre eingezahlt hast und wenig Förderung erhalten hast, kann eine Kündigung trotz Rückzahlung sinnvoll sein — vor allem wenn die laufenden Kosten des Vertrags die verbleibende Rendite auffressen. Bei langer Laufzeit und hoher Förderung ist die beitragsfreie Stellung meistens günstiger.
Die Alternative: Beitragsfrei stellen
Wer den Riester-Vertrag beitragsfrei stellt, zahlt keine Zulagen und Steuervorteile zurück. Das angesparte Kapital bleibt im Vertrag und wächst weiter — allerdings zu den bisherigen Konditionen, also mit den hohen Verwaltungskosten vieler Riester-Produkte. Bei einem typischen Riester-Versicherungsvertrag mit 1,5 bis 2,5 Prozent jährlichen Kosten und einer Beitragsgarantie, die Aktieninvestitionen stark limitiert, wächst das Kapital nur minimal.
Das Ergebnis: Das Geld ist gebunden, wächst kaum, kostet aber weiterhin Verwaltungsgebühren. Besser als kündigen — aber auch keine gute Lösung langfristig. Die Frage ist, ob das eingefrorene Kapital über 20 oder 30 Jahre mehr wert ist als die entgangene Rendite durch ein alternativ investiertes ETF-Portfolio.
Die entscheidende Rechnung
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: 35-Jährige, Riester seit 10 Jahren, eingezahltes Kapital 12.000 Euro, erhaltene Förderung 3.500 Euro, aktueller Vertragswert 11.800 Euro (schlechte Performance, hohe Kosten). Bei Kündigung: 11.800 Euro ausgezahlt, minus 3.500 Euro Förderrückzahlung = 8.300 Euro netto, die versteuert werden müssen. Nach 25 Prozent Abgeltungssteuer auf den Gewinn (falls vorhanden) bleibt real wenig übrig.
Diese 8.300 Euro in einen ETF-Sparplan investiert, der über die nächsten 32 Jahre (bis 67) mit 7 Prozent p.a. wächst: Endwert ca. 82.000 Euro. Der Riester-Vertrag beitragsfrei weitergeführt mit 1,5 Prozent Wachstum über 32 Jahre: ca. 18.600 Euro. Der Unterschied ist erheblich — aber er hängt stark von den tatsächlichen Vertragskosten und der bisherigen Förderquote ab.
Was das Altersvorsorgedepot ändert
Ab 2027 soll das neue Altersvorsorgedepot Riester ersetzen. Offen ist, ob bestehende Riester-Verträge in das neue System überführt werden können — ein sogenannter "Transfer" in das Altersvorsorgedepot. Der Koalitionsvertrag erwähnt eine Übergangslösung, Details stehen noch aus. Wer jetzt kündigt, um in das Altersvorsorgedepot zu wechseln, könnte also auf Förderung verzichten, die er beim Transfer behalten hätte.
Empfehlung bis zur Klärung: Riester beitragsfrei stellen (keine Rückzahlung), parallel einen eigenen ETF-Sparplan aufbauen und auf die Details zur Überführung in das Altersvorsorgedepot warten. Mehr dazu in unserem Ratgeber zum Altersvorsorgedepot.
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