Altersvorsorge für Selbstständige — Was wirklich funktioniert
4,1 Millionen Selbstständige ohne GRV-Pflicht. Viele zahlen jahrelang nichts ein — und stehen im Alter vor dem Nichts. Rürup, ETF-Depot, freiwillige GRV: Was für wen sinnvoll ist, mit echten Zahlen.
Auf einen Blick
- Selbstständige in Deutschland Ca. 4,1 Mio. (davon ca. 2,2 Mio. Solo-Selbstständige ohne Mitarbeiter)
- GRV-Pflicht Nur für bestimmte Gruppen (Handwerker, Lehrer, Künstler via KSK)
- Durchschnittliche GRV-Rente ehemaliger Selbstständiger Unter 800 EUR/Monat (DRV)
- Rürup-Absetzbetrag 2026 Bis 29.344 EUR Single, bis 58.688 EUR Ehepaar
- Pflicht-Rente diskutiert CDU/SPD-Koalitionsvertrag 2025 enthält Prüfauftrag für Solo-Selbstständige
Das Problem: Ohne Arbeitgeber keine automatische Vorsorge
Wer angestellt ist, zahlt automatisch 18,6 % des Bruttolohns (hälftig mit dem Arbeitgeber) in die gesetzliche Rentenversicherung. Wer selbstständig ist, hat niemanden der automatisch einzahlt — und muss aktiv werden. Die Statistik ist ernüchternd: Laut DRV-Erhebungen erhalten viele ehemalige Selbstständige im Alter unter 800 EUR monatliche GRV-Rente — weil sie während der selbstständigen Phase kaum eingezahlt haben.
Gleichzeitig hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag 2025 einen Prüfauftrag für eine mögliche Pflicht-Altersvorsorge für Solo-Selbstständige verankert. Wenn das umgesetzt wird, kommt ein Zwang — die Frage ist nur, welche Optionen anerkannt werden.
Wer ist bereits pflichtversichert?
Nicht alle Selbstständigen sind von der GRV ausgenommen. Pflichtversichert sind unter anderem:
- Handwerker (eingetragen in Handwerksrolle): erste 18 Beitragsjahre Pflicht, danach Befreiung möglich
- Lehrer und Erzieher (ohne Anstellungsverhältnis)
- Pflegepersonal (selbstständige Pflege)
- Künstler und Publizisten über die Künstlersozialkasse (KSK) — mit halbiertem Beitragssatz (der "Arbeitgeberanteil" kommt von Verwertern und einem Bundeszuschuss)
- Hebammen, Physiotherapeuten und weitere freie Berufe
Berufsständische Versorgungswerke — oft vergessen
Viele freie Berufe haben eigene Versorgungswerke, die von der GRV befreit sind: Ärzte, Zahnärzte, Anwälte, Architekten, Steuerberater, Notare, Apotheker. Diese Versorgungswerke funktionieren ähnlich wie die GRV — mit Pflichbeiträgen, Rentenansprüchen und Invaliditätsschutz. Ihr Rendite-Vorteil: Sie können höhere Aktienquoten halten als die GRV und erzielen historisch bessere Renditen.
Wer einem Versorgungswerk angehört, braucht sich um die GRV-Frage nicht zu kümmern — aber sollte trotzdem private Altersvorsorge zusätzlich betreiben, weil Versorgungswerke allein oft nicht ausreichen.
Rürup-Rente (Basisrente) — mit konkreten Zahlen
Die Rürup-Rente ist das einzige staatlich geförderte Altersvorsorgeprodukt, das Selbstständigen ohne GRV-Zugehörigkeit die höchste steuerliche Förderung bietet. Absetzbar 2026: bis zu 29.344 EUR Single als Sonderausgaben (100 % vollabzugsfähig seit 2023).
| Eigenschaft | Rürup (Basisrente) |
|---|---|
| Steuerlicher Vorteil Single (42 % GSt) | Bis zu 12.324 EUR Steuererstattung/Jahr bei max. Einzahlung |
| Flexibilität | Sehr gering — Kapital unvererbbar, nicht beleihbar, nicht kündbar (nur beitragsfrei) |
| Auszahlung | Nur als lebenslange Rente — kein Einmalbetrag |
| Besteuerung im Alter | 2026 zu 100 % steuerpflichtig (nachgelagerte Besteuerung) |
| Pfändungsschutz | Ja, vollständig — wichtig bei Selbstständigen-Insolvenz |
| Mindestrendite | Produktabhängig — ETF-Rürup: ca. 5–7 % brutto möglich, Versicherungs-Rürup: 1–3 % |
Wann Rürup sinnvoll ist: Selbstständige mit stabilen Einkünften über 80.000 EUR/Jahr (42 % Grenzsteuersatz), die wissen, dass sie im Alter einen niedrigeren Steuersatz haben werden. Die Steuerersparnis in der Einzahlphase ist real — die Steuerpflicht im Alter deutlich geringer wenn man "kleiner" lebt.
Wann Rürup nicht sinnvoll ist: Wer schwankende Einnahmen hat (schlechte Jahre = keine Steuerersparnis), wer Flexibilität braucht (Kapital ist eingeschlossen bis 62), wer vererben möchte, wer im Alter ähnlich hoch besteuert wird.
ETF-Depot als Haupt-Instrument für die meisten
Für die Mehrheit der Selbstständigen ist das ETF-Depot die flexibelste und effektivste Lösung:
| Eigenschaft | ETF-Depot | Rürup | Freiwillige GRV |
|---|---|---|---|
| Flexibilität | Sehr hoch (jederzeit entnehmbar) | Sehr gering | Mittel (Beitrag variierbar) |
| Erwartete Rendite | 6–8 % p.a. langfristig | 3–6 % (je nach Produkt) | 2–3 % p.a. implizit |
| Steuerlicher Vorteil | Gering (nur Freistellungsauftrag) | Sehr hoch bei 42 % GSt | Gering |
| Pfändungsschutz | Kein (bei Insolvenz gefährdet) | Vollständig | Teilweise |
| Vererbbarkeit | Vollständig | Nur begrenzt (Hinterbliebenenrente) | Nur begrenzt |
| Langlebigkeitsschutz | Kein automatischer | Ja (lebenslange Rente) | Ja (lebenslange Rente) |
Das Altersvorsorgedepot ab 2027 — sind Selbstständige förderberechtigt?
Ja — aber mit Einschränkungen. Das neue Altersvorsorgedepot steht Selbstständigen offen, die in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert sind oder freiwillig GRV-Beiträge zahlen. Wer weder pflichtversichert noch freiwillig in der GRV ist (viele Freiberufler, viele Freelancer), kann das Depot nutzen — aber ohne die volle staatliche Förderung.
Die genauen Zugangsbedingungen für verschiedene Selbstständigen-Gruppen werden 2026/2027 durch die Detailregelungen präzisiert. Klar ist: Wer in einem berufsständischen Versorgungswerk ist, gilt als äquivalent versichert und soll förderberechtigt sein.
Die optimale Strategie für Selbstständige — nach Einkommensklasse
Unter 50.000 EUR Jahresgewinn:
- Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) — wichtiger als alles andere
- Notgroschen 6 Monate Ausgaben (mehr als Angestellte brauchen)
- ETF-Depot mit automatischem Sparplan
- Freiwillige GRV-Mindestbeiträge für Erwerbsminderungsrenten-Schutz
50.000–100.000 EUR Jahresgewinn:
- BU + ETF-Depot als Basis
- Rürup-Rente bei 40–42 % Grenzsteuersatz als Steuer-Optimierungs-Hebel (nicht Hauptvorsorge)
- Altersvorsorgedepot ab 2027 wenn förderberechtigt
Über 100.000 EUR Jahresgewinn:
- Rürup bis Maximalgrenze (29.344 EUR) für maximale Steuerersparnis
- ETF-Depot für Flexibilität und Vererbbarkeit
- Immobilieninvestment als dritte Säule
Altersvorsorgedepot ab 2027
Das neue geförderte ETF-Depot — auch für bestimmte Selbstständige.
Sparplan vs. Einmalanlage
Wann monatlich — wann den Jahresbonus sofort anlegen?
Private Altersvorsorge Pflicht
Warum die Politik über Pflicht-Rente für Selbstständige diskutiert.
Notgroschen zuerst
Warum Selbstständige mehr Liquiditätspuffer brauchen als Angestellte.
Häufige Fragen
Können Selbstständige das Altersvorsorgedepot nutzen?
Ja - das Altersvorsorgedepot ist auch für Selbstständige und Freiberufler gedacht. Besonders attraktiv, da keine gesetzliche Rentenversicherungspflicht besteht und keine bAV möglich ist. Grundzulage 540 EUR/Jahr + Sonderausgabenabzug bis 1.800 EUR.
Altersvorsorgedepot oder Rürup für Selbstständige?
Rürup: höhere Steuerersparnis (bis 27.565 EUR absetzbar), aber unveraenderbares Rentenprodukt ohne Kapitalzugriff. Altersvorsorgedepot: mehr Flexibilität, ETF-Anlage, Kapitalzugriff unter Bedingungen. Empfehlung: bei hohem Einkommen Rürup, bei mittlerem Einkommen Altersvorsorgedepot.
Wie viel sollten Selbstständige für die Altersvorsorge sparen?
Faustregel: 15-20% des Nettoeinkommens. Ohne gesetzliche Rente muss das gesamte Alterseinkommen selbst aufgebaut werden. Beispiel: 3.000 EUR netto = 450-600 EUR/Monat in Altersvorsorge. Frühzeitig starten, Förderung nutzen.
Private vs. gesetzliche Rentenversicherung
Private Rentenversicherung vs. gesetzliche Rente: Was kostet mehr, was bringt mehr? Welche Garantien es gibt, warum ETF-Depots oft besser abschneiden und wann private Rente sinnvoll ist.
Altersvorsorge für Apotheker
Altersvorsorge für Apotheker: Versorgungswerk als Basis, Apothekenübernahme finanzieren, Altersvorsorgedepot und Rürup als Ergänzung nutzen. Zahlen und Strategie.
Wann muss ich über die Rente nachdenken?
Wann ist der richtige Zeitpunkt für Altersvorsorge? Mit 20, 30 oder 40? Zinseszins-Tabelle zeigt, was 5 oder 10 Jahre Warten wirklich kostet.
Altersvorsorge für Architekten
Altersvorsorge für Architekten: Versorgungswerk der Architektenkammer, Altersvorsorgedepot und freies ETF-Depot optimal kombinieren. Strategie und Zahlen.