Der Gender Pay Gap ist bekannt — Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer. Weniger bekannt, aber noch gravierender: der Gender Pension Gap. In Deutschland bekommen Frauen rund 37–40 % weniger gesetzliche Rente als Männer. Das ist keine Diskriminierung im Rentenrecht selbst — es ist die kumulierte Wirkung von Jahrzehnten unterschiedlicher Erwerbsbiographien.
Die Zahlen: So groß ist die Lücke
| Indikator | Männer | Frauen | Differenz |
|---|---|---|---|
| Durchschnittliche gesetzliche Rente (brutto, 2025) | 1.548 Euro | 957 Euro | −38,2 % |
| Armutsgefährdungsquote 65+ | 14,9 % | 20,1 % | +5,2 % |
| Grundsicherung im Alter | Anteil: 38 % | Anteil: 62 % | Frauen stark übervertreten |
| Entgeltpunkte nach 40 Beitragsjahren (Ø) | 38,2 EP | 24,3 EP | −36,4 % |
957 Euro gesetzliche Rente — das liegt in vielen deutschen Städten unter oder knapp über dem Grundsicherungsniveau. Frauen sind im Alter strukturell deutlich schlechter abgesichert als Männer.
Warum ist die Lücke so groß?
Es gibt nicht einen Grund — es ist eine Verkettung von Entscheidungen und Strukturen die sich über Jahrzehnte summieren:
1. Teilzeitarbeit: 47 % aller erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit — gegenüber nur 11 % der Männer (Eurostat 2024). Wer 60 % arbeitet, sammelt 60 % der Entgeltpunkte. Über 20 Jahre macht das einen erheblichen Unterschied in der Rente.
2. Kindererziehungszeiten: Die gesetzliche Rentenversicherung rechnet 3 Jahre pro Kind als "Kindererziehungszeit" an — bewertet mit einem Entgeltpunkt (also Durchschnittslohn). Das ist eine Anerkennung, aber es gleicht nicht aus: Wer 10 Jahre weniger arbeitet um 3 Kinder großzuziehen, fehlen trotz Anrechnung rund 7 Jahre ohne volle Beitragsjahre.
3. Gender Pay Gap in der Ansparphase: Selbst bei gleicher Vollzeitarbeit verdienen Frauen im Schnitt rund 18 % weniger (bereinigter Gender Pay Gap nach Statistischem Bundesamt). Das ergibt weniger Entgeltpunkte trotz gleicher Stundenzahl.
4. Pflegezeiten: Wer Angehörige pflegt (überwiegend Frauen), reduziert oft die Arbeitszeit oder gibt sie ganz auf. Pflege gibt zwar Rentenpunkte — aber deutlich weniger als volle Erwerbstätigkeit.
5. Berufsunterbrechungen: Jede Phase ohne Beitrag (Elternzeit über die gesetzliche Anrechnung hinaus, Krankheit, Arbeitslosigkeit ohne ALG I) ist ein Jahr ohne Entgeltpunkte.
Das Kumulationsproblem
Jeder dieser Faktoren für sich wäre handhabbar. Das Problem ist die Kombination: Frau A hat 5 Jahre Elternzeit, danach 15 Jahre Teilzeit (70 %), verdient in der Teilzeit 15 % unter dem männlichen Kollegen. Ergebnis: Statt 40 Vollzeit-Entgeltpunkten hat sie nach 40 Jahren vielleicht nur 22–25 Punkte.
25 EP × 42 Euro = 1.050 Euro Rente statt 1.680 Euro bei 40 EP (Durchschnitt). Das ist eine Rentenlücke von 630 Euro monatlich — für den Rest des Lebens.
Was das Altersvorsorgedepot für Frauen ändert
Das Altersvorsorgedepot ab 2027 hat spezifische Mechanismen die für Frauen besonders relevant sind:
1. Grundzulage unabhängig vom Einkommen: Die 540 Euro Grundzulage gibt es für jeden Erwachsenen — egal ob Teilzeit, Elternzeit oder Vollzeit. Wer 50 Euro/Monat einzahlt, bekommt relativ gesehen einen größeren Staatszuschuss als jemand der 500 Euro einzahlt. Das ist progressiv im positiven Sinne.
2. Kinderzulage für Mütter: 300 Euro pro Kind jährlich — das ist für eine Mutter mit 3 Kindern 900 Euro staatliche Förderung pro Jahr, auch wenn sie selbst wenig einzahlt.
3. Eigene Förderansprüche: Beim Riester konnte der Anspruch über den Ehemann laufen — beim AVD hat jede Person eigene Ansprüche. Das stärkt die finanzielle Unabhängigkeit von Frauen in der Ehe.
4. Vollständig vererbbar: Im Todesfall wird das AVD-Kapital vererbt — kein Verlust wie bei manchen Lebensversicherungen.
Was Frauen konkret tun sollten
- Renteninformation lesen: Wie hoch ist die voraussichtliche gesetzliche Rente? Die Rentenlücke zu wissen ist der erste Schritt.
- Freiwillige Beiträge prüfen: Wer Elternzeit hat, kann freiwillig in die Rentenversicherung einzahlen — das erhöht die Entgeltpunkte.
- Ab 2027: Altersvorsorgedepot eröffnen — eigene Förderansprüche geltend machen, nicht auf Ehemanns Vertrag warten.
- Eigenes Depot aufbauen: Auch heute schon: Eigenes ETF-Depot, eigene Geldanlage. Finanziell unabhängig sein ist die beste Absicherung.
- Gehaltsverhandlung: Jeder Euro mehr Gehalt = mehr Entgeltpunkte = mehr Rente. Der Gender Pay Gap hat direkte Rentenfolgen.
Fazit: Das Problem ist bekannt — das Handeln muss folgen
Der Gender Pension Gap ist kein naturgegebenes Schicksal. Er ist das Ergebnis von Entscheidungen — gesellschaftlichen (wer pflegt Kinder?), politischen (Rentenrecht, Kinderbetreuung) und individuellen (Teilzeit, Berufsunterbrechung). Das Altersvorsorgedepot ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung — aber es kompensiert keine 20-jährige Teilzeit-Biographie.
Wer heute jung ist und diese Zahlen liest: Die beste Altersvorsorge für Frauen ist eine Kombination aus gesetzlicher Rentenversicherung (möglichst viele Entgeltpunkte), AVD ab 2027, und eigenem ETF-Depot. Und eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Rentenkonsequenzen von Karriereentscheidungen — bevor sie getroffen werden.