Ein 25-Jähriger und ein 60-Jähriger sollten ihr Depot nicht gleich strukturieren. Der Unterschied liegt nicht in der ETF-Auswahl — globale ETFs sind in beiden Fällen sinnvoll — sondern in der Aktienquote, dem Liquiditätspuffer und der Entnahmestrategie. Das Depot muss mit dem Leben mitwachsen.
Phase 1: Ansparphase (20-45 Jahre)
Mit 20-45 Jahren liegt die Rente 20-45 Jahre in der Zukunft. Crashs werden überstanden weil Zeit für Erholung bleibt. Das erlaubt die höchste Risikobereitschaft:
- Aktienquote: 90-100% (globale ETFs)
- Kein Bond-Anteil nötig — historisch schlechter als 100% Aktien über 30+ Jahre
- Thesaurierende ETFs bevorzugen (Steuerstundung)
- Sparplan-Automatismus einrichten und nicht täglich anschauen
- Crashs sind Kaufgelegenheiten — Sparplan nicht pausieren
Phase 2: Mid-Life (45-55 Jahre)
Die Rente ist noch 10-20 Jahre entfernt. Das Depot ist gewachsen — ein Crash trifft jetzt absolut mehr Euro. Zeit für leichte Defensivierung:
- Aktienquote: 70-90%
- 10-20% in kurzlaufende Anleihen oder Tagesgeld
- Rentenansprüche prüfen (DRV-Online Renteninformation lesen)
- Rentenlücke berechnen und Sparrate ggf. erhöhen
- BU-Versicherung prüfen (noch laufen?)
Phase 3: Pre-Renten-Phase (55-65 Jahre)
Die entscheidende Phase für Sequence-of-Returns-Risiko. Ein großer Crash kurz vor der Rente kann die Entnahme dauerhaft beeinflussen:
- Aktienquote: 50-70%
- 2-3 Jahre Entnahmebedarf in Tagesgeld/kurzläufige Anleihen halten ("Bucket-Strategie")
- Ausschüttende ETFs für festen Cashflow in der Entnahmephase erwägen
- Entnahmestrategie konkret planen: Wann entnehme ich wie viel?
- Steueroptimierung: Sparerpauschbetrag ausschöpfen, ggf. schrittweise Realisierung stiller Reserven
Phase 4: Rentenphase (65+ Jahre)
Das Depot ist kein Sparplan mehr — es ist eine Entnahmemaschine. Gesetzliche Rente läuft, Depot ergänzt:
- Aktienquote: 40-60% (noch ausreichend Rendite bei mehr Sicherheit)
- 4%-Regel oder flexibles Entnahme-Schema anwenden
- 2-3 Jahre Ausgaben als "Puffer" liquide halten (Tagesgeld)
- Rebalancing einmal jährlich
- Erbschaftsplanung: Depot-Übertragung an Kinder/Enkel steueroptimiert vorbereiten
Faustregel Aktienquote nach Alter
| Alter | Empfohlene Aktienquote | Tagesgeld/Anleihen |
|---|---|---|
| 25-35 Jahre | 95-100% | 0-5% (nur Notgroschen) |
| 35-45 Jahre | 85-95% | 5-15% |
| 45-55 Jahre | 70-85% | 15-30% |
| 55-65 Jahre | 50-70% | 30-50% |
| 65+ Jahre | 40-60% | 40-60% |
Fazit: Das Depot wächst mit — die Strategie auch
Das Depot ist kein Denkmal sondern ein lebendiges Instrument. Mit 25 maximal in Aktien, mit 60 defensiver und in der Rentenzunahmephase auf Entnahme umschalten. Die ETF-Produkte bleiben oft die gleichen — MSCI World oder FTSE All-World. Was sich ändert ist die Aktienquote, der Liquiditätspuffer und ob man anspart oder entnimmt. Wer das versteht, hat die wichtigste Lebensplanung der privaten Altersvorsorge verstanden.