Die wichtigste Frage in der Altersvorsorge: Wie viel Kapital brauche ich, damit das Depot bis an mein Lebensende reicht? Die Antwort haengt von der Rentenluecke ab, dem Entnahmezeitraum, und welche Entnahmestrategie man verfolgt. Hier sind die wichtigsten Methoden erklaert.
Die 4-Prozent-Regel: Der Klassiker
Die bekannteste Faustregel stammt aus der Trinity-Studie (1998): Ein Portfolio aus 50 % Aktien und 50 % Anleihen ueberlebe in historischen US-Szenarien 30 Jahre wenn jaehrlich maximal 4 % des Startkapitals entnommen werden — und zwar real, also inflationsbereinigt.
Formel: Zielkapital = Jaehrliche Entnahme / 4 %
Oder vereinfacht: Zielkapital = Monatliche Rentenluecke x 12 / 0,04 = Monatliche Rentenluecke x 300
| Monatliche Rentenluecke | Benoetiges Kapital (4 % Regel) | Jaehrliche Entnahme |
|---|---|---|
| 500 EUR/Monat | 150.000 EUR | 6.000 EUR |
| 800 EUR/Monat | 240.000 EUR | 9.600 EUR |
| 1.000 EUR/Monat | 300.000 EUR | 12.000 EUR |
| 1.500 EUR/Monat | 450.000 EUR | 18.000 EUR |
| 2.000 EUR/Monat | 600.000 EUR | 24.000 EUR |
| 3.000 EUR/Monat | 900.000 EUR | 36.000 EUR |
Grenzen der 4-Prozent-Regel
Die Trinity-Studie wurde fuer den US-Markt entwickelt und fuer einen 30-Jahres-Zeitraum. Wer mit 60 in Rente geht und 90 Jahre alt wird, braucht eine 30-jaehrige Entnahme — das passt. Wer mit 55 aufhoert und 95 wird, hat ein 40-Jahres-Problem — da kann die 4-Prozent-Regel zu optimistisch sein.
Modernere Analysen (nach 2010, mit globalerem Aktienmarkt) empfehlen fuer laengere Zeitraeume eine 3,5-Prozent-Regel als sicherere Variante.
Einfache Anpassung der Formel fuer konservativere Planung: Monatliche Luecke x 343 (fuer 3,5 %) statt x 300.
Kapitalverzehr vs. ewige Entnahme
Es gibt zwei grundlegend verschiedene Ansaetze:
Kapitalverzehr (Entnahme mit Zielende): Das Depot soll genau dann leer sein wenn du stirbst — oder zu einem fixen Datum (z.B. 90 Jahre). Du nimmst mehr heraus, brauchst weniger Kapital, laesst aber nichts fuer Erben uebrig.
Ewige Entnahme (nur Rendite): Du entnimmst nur die Rendite, das Kapital bleibt erhalten. Vorteil: Das Depot ist immer verfuegbar, du kannst es erben lassen. Nachteil: Du brauchst erheblich mehr Kapital.
| Strategie | Entnahme von | Kapital bleibt | Fuer 1.000 EUR/Monat |
|---|---|---|---|
| 4-Prozent-Regel (30 Jahre) | Kapital + Rendite | Nichts (statistisch) | ca. 300.000 EUR |
| Nur Rendite (7 % p.a.) | Nur Rendite | Vollstaendig | ca. 172.000 EUR |
| Nur Rendite (5 % p.a.) | Nur Rendite | Vollstaendig | ca. 240.000 EUR |
| Kapitalverzehr 25 Jahre | Kapital + Rendite | Nichts | ca. 200.000 EUR |
Konkretes Rechenbeispiel: Anna, 35 Jahre
Anna (35) hat laut Renteninformation eine erwartete Rente von 1.200 EUR/Monat. Ihr Wunscheinkommen im Alter: 2.200 EUR netto. Rentenluecke: 1.000 EUR/Monat.
Zielkapital nach 4-Prozent-Regel: 1.000 EUR x 300 = 300.000 EUR.
Anna hat 32 Jahre bis zum Rentenalter 67. Welche monatliche Sparrate braucht sie?
Mit 7 % durchschnittlicher Jahresrendite (Weltweit diversifizierter ETF): ca. 230 EUR/Monat.
Mit 6 % Rendite: ca. 290 EUR/Monat.
Mit 5 % Rendite: ca. 370 EUR/Monat.
Den genauen Betrag berechnet der Vorsorgerechner — mit deiner spezifischen Rentenluecke und Sparrate.
Sicherheitspuffer: Das Depot nicht zu eng planen
Die 4-Prozent-Regel ist ein statistisches Modell — kein Versprechen. In schlechten Boersenphasen zu Beginn des Ruhestands (Sequence-of-Returns-Risk) kann auch ein gut aufgestelltes Depot unter Druck geraten.
Sinnvolle Sicherheitspuffer:
- 10-15 % mehr Kapital als die Formel ergibt als Puffer einplanen
- 1-2 Jahre Liquiditaetspuffer in Tagesgeld/kurzlaufenden Anleihen halten
- Flexible Entnahme: In schlechten Boersenjahren weniger entnehmen (Urlaub verschieben, Ausgaben reduzieren)
- Staatliche Rente als Basisabsicherung: Das Depot muss nicht die gesamte Rentenluecke abdecken — nur den Teil der darueber hinausgeht
Steuern in der Entnahme beruecksichtigen
Kapitalertragsteuer (Abgeltungssteuer 25 % + Soli) faellt auf realisierte Gewinne an. Wer ein ETF-Depot mit erheblichem Kursgewinn hat, zahlt beim Verkauf Steuern auf den Gewinnanteil.
Faustregel: Bei einem langjaehrig gut gewachsenen Depot kann die Steuerlast auf Entnahmen 8-15 % der Entnahme betragen. Wer 1.000 EUR netto entnehmen will, muss brutto ggf. 1.100-1.150 EUR entnehmen und die Steuerlast im Zielkapital entsprechend hochrechnen.
Der Sparerpauschbetrag (1.000 EUR/Jahr) ist steuerfreie Entnahme — optimal nutzen.
Fazit: Zielkapital als Orientierung, nicht als Fixpunkt
300.000 EUR fuer 1.000 EUR monatliche Rentenluecke ist eine gute Daumenpeilung. Aber die genaue Summe haengt von Renditeerwartung, Entnahmezeitraum, Inflationsschutz-Strategie und Steuerlast ab. Wichtiger als die exakte Zielzahl: moeglichst frueh anfangen, konsequent sparen, und das Depot bis zum Ruhestand laufen lassen.