Anleihen sind das ruhige Gegenstück zu Aktien im Depot — stabiler, vorhersehbarer, und in bestimmten Lebensphasen unverzichtbar. Trotzdem verstehen viele ETF-Sparer Anleihen kaum. Dieser Artikel erklärt was Anleihen sind, wie Anleihen-ETFs funktionieren, und wann sie im Altersvorsorge-Depot Sinn machen.
Was sind Anleihen?
Eine Anleihe ist ein Kredit — du leihst einem Staat oder Unternehmen Geld für eine festgelegte Zeit, zu einem festgelegten Zinssatz (Kupon), und bekommst am Ende dein Geld zurück (Nennwert). Beispiel:
- Du kaufst eine 10-jährige Bundesanleihe mit 1.000 Euro Nennwert und 2,5 % Kupon
- Jährlich erhältst du 25 Euro Zinsen
- Nach 10 Jahren bekommst du die 1.000 Euro zurück
Im Unterschied zu Aktien: Du bist kein Miteigentümer, sondern Gläubiger. Du profitierst nicht von Unternehmensgewinnen — aber du hast Vorrang bei der Rückzahlung wenn das Unternehmen in Schwierigkeiten kommt.
Zinsen und Kurs: Die umgekehrte Beziehung
Das wichtigste Prinzip das viele verwirrt: Wenn Zinsen steigen, fallen Anleihekurse — und umgekehrt.
Warum? Stell dir vor, du hast eine Anleihe mit 2 % Zinsen. Jetzt steigen die Marktzinsen auf 4 %. Wer würde jetzt noch deine 2%-Anleihe kaufen, wenn er am Markt 4 % bekommt? Nur zu einem niedrigeren Preis der die Renditedifferenz ausgleicht. Deshalb: 2022, als die Zentralbanken die Zinsen drastisch erhöhten, fielen Anleihe-ETFs um 15–20 % — mehr als viele erwartet hatten.
Duration: Das Risikomaß
Die Duration gibt an, wie empfindlich ein Anleihe-ETF auf Zinsänderungen reagiert. Eine Duration von 7 bedeutet: Bei einem Zinsanstieg um 1 Prozentpunkt fällt der ETF-Kurs um rund 7 %.
- Kurzläufer (Duration 1–3): Kaum Zinssensitivität, geringe Rendite
- Mittelfristig (Duration 5–7): Moderate Empfindlichkeit und Rendite
- Langläufer (Duration 10–20): Sehr zinssensitiv, höhere Rendite, mehr Volatilität
Für Altersvorsorge-Depots die kurz vor dem Renteneintritt umgeschichtet werden: Kurzläufer sind stabiler. Für Depots die noch 15+ Jahre laufen: Mittelfristige Anleihen sind ein guter Kompromiss.
Arten von Anleihen-ETFs
- Staatsanleihen (Industrieländer): Sicherste Anleihen, Deutschland (AAA) und USA (AA+). Niedrigste Rendite, höchste Sicherheit. Z.B. iShares Core Euro Government Bond (TER 0,07 %)
- Unternehmensanleihen (Investment Grade): Anleihen von solventen Unternehmen mit gutem Rating (BBB+ und besser). Etwas mehr Rendite als Staatsanleihen, etwas mehr Risiko. Z.B. iShares Core Euro Corporate Bond (TER 0,20 %)
- High Yield Anleihen: Anleihen von Unternehmen mit niedrigerem Rating. Höhere Rendite (4–6 %), aber deutlich mehr Ausfallrisiko. Für defensive Altersvorsorge ungeeignet.
- Inflationsgeschützte Anleihen (Linker): Nennwert und Kupon werden mit der Inflation angepasst. Schutz vor Kaufkraftverlust. Z.B. iShares Euro Inflation Linked Government Bond
Wann Anleihen-ETFs ins Depot gehören
Die einfache Faustregel: Je näher die Rente, desto mehr Anleihen.
- Unter 40 Jahre bis Rente: 0–10 % Anleihen — du brauchst primär Aktienrendite
- 10–20 Jahre bis Rente: 10–25 % Anleihen — erste Stabilisierung
- 5–10 Jahre bis Rente: 25–40 % Anleihen — Sequenzrisiko reduzieren
- In der Rente: 40–60 % Anleihen/stabile Assets — Kapitalerhalt hat Priorität
Das Lifecycle-Modell des Altersvorsorgedepots macht diese Umschichtung automatisch — für alle die sich nicht selbst darum kümmern wollen.
Die Lehre aus 2022: Anleihen können stark fallen
2022 war ein Schock für Anleihe-Investoren: Globale Staatsanleihen-ETFs fielen um 15–20 %. Das war das schlechteste Anleihe-Jahr seit Jahrzehnten. Ursache: Die Zentralbanken erhöhten die Zinsen so schnell wie seit 40 Jahren nicht mehr — und Anleihen-ETFs mit langer Duration wurden massiv abgestraft.
Konsequenz: Anleihen-ETFs sind keine "risikolosen" Anlagen. Kurzläufer und Geldmarkt-ETFs (Duration < 1 Jahr) sind in Zinserhöhungsphasen deutlich stabiler als Langläufer.
Fazit: Anleihen sind wichtig — aber nicht risikolos
Anleihen-ETFs sind das Stabilitätselement im Depot. Nicht wegen ihrer Rendite (die ist bescheiden), sondern wegen ihrer Pufferfunktion in Aktien-Crashphasen — und wegen ihrer Bedeutung in der Entnahmephase. Wer 30 Jahre vor der Rente ist: Fast keine Anleihen nötig. Wer 5 Jahre vor der Rente ist: ein erheblicher Anleihen-Anteil ist wichtig.