Deutschland ist beim Thema kapitalgedeckte Altersvorsorge ein Nachzügler. Andere Länder — Schweden, Norwegen, die USA — haben Jahrzehnte Erfahrung mit Aktieninvestitionen für die Rente. Was können wir davon lernen? Und ist das deutsche Altersvorsorgedepot eine gute oder schlechte Version dieser Modelle?
Schweden: Das Vorbild für viele
Schweden hat 1994 sein Rentensystem fundamental reformiert. Das Kernelement: 2,5 % aller Rentenbeiträge fließen in ein individuelles Premiumpension-Konto (PPM). Die Versicherten können wählen unter welchen Fonds sie ihr Kapital anlegen — oder sie überlassen es dem staatlichen Standardfonds AP7 Såfa.
AP7 Såfa ist eine Lektion in effektiver staatlicher Kapitalanlage:
- Globaler Aktien-ETF mit Leverage (maximal 1,25-fach)
- Jahresrendite 2010–2024: durchschnittlich rund 14 % p.a. (vor Leverage: ca. 11 %)
- Kosten: 0,08 % TER — einer der günstigsten Fonds der Welt
- 70–75 Millionen Euro Volumen — größter schwedischer Fonds
- Automatisches Lifecycle-Modell: Umschichtung in Anleihen ab 56 Jahren
Wer in Schweden nie eine aktive Fondsauswahl trifft, landet automatisch im AP7 — einem der weltweit erfolgreichsten Staatsfonds für private Altersvorsorge. Das ist das Modell von dem die deutschen Grünen (Bürgerfonds) und die FDP (Aktienrente) in Deutschland inspiriert wurden.
Norwegen: Der Government Pension Fund Global
Norwegen hat etwas das sonst kein Land hat: einen riesigen Staatsfonds der mit Öleinnahmen gefüllt wurde und jetzt mit einem Wert von über 1,5 Billionen Euro eine der größten Kapitalanlagen der Welt ist. Der Fonds investiert in Aktien weltweit (71 %), Anleihen (26 %) und Immobilien (3 %).
Dieser Fonds finanziert einen Teil der norwegischen Rentenausgaben — und schützt das Land vor dem demografischen Problem das Deutschland plagt. Die Rendite des Fonds: durchschnittlich rund 6 % p.a. real seit 1998.
Deutschland hat keinen Staatsfonds — auch weil Deutschland jahrelang über keinen Haushaltsüberschuss verfügte. Die Idee einen deutschen Staatsfonds zu schaffen diskutiert die Politik seit Jahren — ohne Ergebnis. Das Altersvorsorgedepot ist der pragmatische Schritt: Kein kollektiver Staatsfonds, sondern individuelle Depots mit staatlicher Förderung.
USA: Der 401(k)-Plan
In den USA ist die betriebliche Altersvorsorge über den 401(k)-Plan seit 1980 Standard. Das Prinzip: Arbeitnehmer zahlen einen Teil ihres Gehalts steuerfrei in einen 401(k) ein (2026: bis 23.000 Dollar/Jahr), Arbeitgeber schießen oft noch etwas dazu. Das Kapital wird in ETFs oder Fonds investiert, wächst steuerfrei, und wird ab 59,5 Jahren (steuerpflichtig) entnommen.
Die Unterschiede zum deutschen Modell:
- Höhere Einzahlungsgrenze: 23.000 Dollar vs. überschaubare Beträge im deutschen AVD
- Arbeitgeber-Match: Meistens 50–100 % Matching bis zu 6 % des Gehalts — kräftiger Anreiz
- Keine Verrentungspflicht: Kapital kann als Einmalbetrag oder in Raten entnommen werden
- Problem: Kein Universalsystem — wer keinen Arbeitgeber mit 401(k) hat, fällt durchs Raster
Das 401(k)-System hat in den USA zu erheblichem Rentenkapital geführt — mit einem Volumen von über 7 Billionen Dollar das bedeutendste private Rentensystem der Welt. Es hat aber auch Schwächen: Finanziell weniger gebildete Arbeitnehmer wählen oft schlechte Fonds oder zahlen zu wenig ein.
Australien: Superannuation — der Pflichtansatz
Australien geht am weitesten: Seit 1992 ist die Superannuation (Super) Pflicht für alle Arbeitgeber. 2026 müssen Arbeitgeber 11,5 % des Gehalts für jeden Arbeitnehmer in ein Super-Konto einzahlen. Das Kapital wird in Aktienfonds angelegt — und kann ab 60 Jahren steuerfrei entnommen werden.
Ergebnis: Australien hat eines der am besten finanzierten Rentensysteme der Welt — rund 3,5 Billionen Australische Dollar in Super-Konten. Die durchschnittliche Rendite der Super-Fonds: langfristig über 7 % p.a.
Die Lektion für Deutschland: Eine Pflicht-Komponente — wie die australische Super — wäre wirksamer als freiwillige Anreize. Das deutsche Altersvorsorgedepot bleibt freiwillig — politisch realistischer, aber weniger universell.
Was das deutsche Modell richtig macht
Das Altersvorsorgedepot ist kein perfektes Modell — aber es hat klare Stärken die andere Länder nicht immer haben:
- Kostendeckel (1 % TER): In den USA gibt es keinen Pflicht-Kostendeckel für 401(k) — viele Pläne haben Kosten von 1,5–2,5 %. Deutschland reguliert das besser.
- Frühstart-Rente: Kaum ein Land zahlt staatlich für Kinder ab 6 Jahren in die Altersvorsorge. Das ist fortschrittlich.
- Standarddepot: Wer nichts wählt, landet im diversifizierten Standarddepot — ähnlich dem schwedischen AP7-Modell.
- Vererbbarkeit: Anders als viele ausländische Modelle ist das AVD vollständig vererbbar.
Was besser sein könnte
- Freiwilligkeit begrenzt die Reichweite: In einem freiwilligen System nutzen hauptsächlich die Menschen mit Finanzwissen das Angebot. Genau die die es am dringendsten bräuchten — Geringverdiener, wenig Finanzbildung — nehmen oft nicht teil.
- Arbeitgeber-Beteiligung fehlt: Keine verpflichtende Arbeitgeberbeteiligung wie in Australien oder beim US-401(k)-Matching.
- Grundzulage könnte höher sein: 540 Euro/Jahr ist besser als Riester (175 Euro), aber deutlich unter dem was ein AP7-Leverage-Effekt leistet.
Fazit: Deutschland holt auf
Das Altersvorsorgedepot ist ein Schritt in Richtung internationale Best Practice — aber kein Sprung. Schweden und Australien zeigen, was möglich ist wenn kapitalgedeckte Altersvorsorge konsequenter umgesetzt wird. Deutschland hat den Schritt in die richtige Richtung gemacht — aber es gibt noch viel Luft nach oben.
Für den Einzelnen gilt: Das System nutzen wie es ist — die Zulage mitnehmen, früh anfangen, breit diversifizieren. Und politisch auf weitere Verbesserungen drängen.