In Deutschland laufen noch rund 10 Millionen Riester-Verträge — viele davon schlecht performend, überteuert, und mit komplexen Regeln. Das Altersvorsorgedepot ab 2027 ist der Nachfolger — einfacher, flexibler, renditeorientierter. Aber was passiert mit dem alten Riester? Und lohnt sich der Wechsel?
Riester-Rente: Der aktuelle Stand
Die Riester-Rente wurde 2002 eingeführt um die Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus privat zu kompensieren. Staatliche Förderung durch Grundzulagen (175 Euro/Jahr) und Kinderzulagen (185–300 Euro pro Kind) machen sie für Familien attraktiv — theoretisch.
Die Praxis sah oft anders aus: Versicherungsgesellschaften verkauften teure Fondsgebundene Riester-Policen mit TER von 2–3 % plus Abschlusskosten. Viele Verträge haben nach 20 Jahren kaum mehr als die eingezahlten Beiträge erbracht — die staatliche Förderung wurde von den Kosten aufgefressen.
Zudem: Riester-Kapital muss zu 100 % verrentet werden. Das bedeutet keine Einmalzahlung im Alter, kein flexibler Zugriff — eine lebenslange monatliche Kleinrente die oft wenige Dutzend Euro beträgt.
Direktvergleich: Riester vs. Altersvorsorgedepot
| Kriterium | Riester-Rente | Altersvorsorgedepot (ab 2027) |
|---|---|---|
| Grundzulage | 175 Euro/Jahr | 540 Euro/Jahr |
| Kinderzulage | 185 Euro (vor 2008) / 300 Euro | 300 Euro/Kind |
| Berufseinsteigerbonus | 200 Euro (einmalig, bis 25) | 200 Euro (einmalig) |
| Kostendeckel | Keiner — TER oft 2–3 % | 1 % TER Maximum |
| Anlageklassen | Meist Fonds, Banksparpläne, Versicherungen | Aktien-ETFs, Anleihen-ETFs (breite Palette) |
| Garantie der Einlagen | 100 % Beitragsgarantie | Keine Garantie — Marktrisiko |
| Auszahlungsform | Mindestens 70 % als lebenslange Rente | Flexibel (Einmalzahlung oder Rente) |
| Vererbbarkeit | Eingeschränkt (Partner, Kinder unter Bedingungen) | Vollständig vererbbar |
| Wer ist förderberechtigt | Rentenversicherungspflichtige + Beamte | Alle unbeschränkt Steuerpflichtigen in Deutschland |
Der wichtigste Unterschied: Die Grundzulage des Altersvorsorgedepots ist mit 540 Euro dreimal so hoch wie bei Riester (175 Euro). Das macht das AVD für Geringverdiener und Familien deutlich attraktiver.
Warum die Riester-Rente strukturell scheiterte
Das fundamentale Problem der Riester-Rente war die 100 %-Beitragsgarantie. Anbieter mussten garantieren, dass am Ende mindestens alle Eigenbeiträge und Zulagen zur Verfügung stehen. Das klingt sicher — hatte aber fatale Folgen:
- Anbieter mussten einen Großteil des Kapitals in sichere, niedrigverzinsliche Anlagen stecken um die Garantie zu erfüllen
- In der Niedrigzinsphase (2010–2022) bedeutete das: kaum Rendite, aber trotzdem hohe Kosten
- Der "Rendite-Spielraum" für Aktienanteile war minimal
- Das Ergebnis: Viele Verträge erzielten Renditen von 0–1 % real — obwohl Aktien in derselben Zeit 8–10 % p.a. machten
Das Altersvorsorgedepot hat keine Beitragsgarantie. Das ist ein Risiko — aber auch die Voraussetzung für echte Renditechancen. Wer 30 Jahre in breite ETFs investiert, hat historisch nie verloren. Die fehlende Garantie ist für Langfristsparer kein echtes Problem.
Was passiert mit alten Riester-Verträgen?
Das Altersvorsorgedepot ersetzt die Riester-Rente nicht automatisch. Wer einen Riester-Vertrag hat, hat mehrere Optionen:
Option 1 — Weiterführen: Bestehende Riester-Verträge können weiter bespart werden. Die Förderung bleibt (175 Euro + Kinderzulagen). Sinnvoll wenn der Vertrag gut ist (günstig, in Fonds investiert) und du nah am Renteneintritt bist.
Option 2 — Ruhend stellen: Keine weiteren Einzahlungen, aber Vertrag bleibt bestehen. Das angesparte Kapital bleibt investiert und wird weiter verwaltet. Du verlierst die laufende Förderung — das angesparte Kapital bleibt. Geeignet wenn du das Budget für das AVD umleiten willst.
Option 3 — Kündigen: Möglich, aber mit Konsequenzen. Du musst alle erhaltenen Zulagen und Steuervorteile zurückzahlen. Dazu kommen Stornogebühren des Anbieters. In den meisten Fällen lohnt Kündigung nicht — außer der Vertrag ist extrem teuer und du bist weit vom Renteneintritt entfernt.
Option 4 — Zu einem besseren Riester-Anbieter wechseln: Immer noch möglich. Wenn dein aktueller Vertrag überteuert ist, kann ein Wechsel zu einem Riester-Fondssparplan (z.B. UniProfiRente, DWS RiesterRente Premium) die Kosten senken. Transferkosten max. 150 Euro laut Gesetz.
Riester + Altersvorsorgedepot: Gleichzeitig möglich?
Ja. Beide Förderungen können parallel genutzt werden. Ein Haushalt kann sowohl den bestehenden Riester-Vertrag weiterführen als auch ab 2027 ein Altersvorsorgedepot eröffnen. Die Zulagen sind getrennte Fördertöpfe.
Allerdings gibt es steuerlich ein Limit: Wer beide nutzt, kann die Steuervorteile (Sonderausgabenabzug) nicht addieren — es gibt eine gemeinsame Höchstgrenze. Für die meisten Normalverdiener ist das kein Problem, da sie den Sonderausgabenabzug ohnehin nicht voll ausschöpfen.
Konkrete Empfehlung
Wenn du heute unter 55 bist und einen Riester-Vertrag hast der mehr als 1,5 % laufende Kosten hat: Stell ihn ruhend oder prüfe den Anbieterwechsel. Ab 2027 dann das Altersvorsorgedepot als Hauptbaustein.
Wenn du über 55 bist oder einen günstigen Riester-Fondssparplan hast: Weiterführen und zusätzlich das AVD nutzen.
Wenn du nie einen Riester hattest: Glückwunsch — du kannst direkt mit dem Altersvorsorgedepot 2027 starten, ohne Altlasten.
Den Renditeunterschied zwischen verschiedenen Szenarien kannst du im Vorsorgerechner berechnen — inkl. Zulagenanrechnung.