Private Rentenversicherungen gehören zu den meistverkauften Finanzprodukten in Deutschland. Versicherer, Banken und Vermittler empfehlen sie gerne — die Provisionen sind lukrativ. Aber lohnen sie sich tatsächlich für den Versicherten? Ein nüchterner Vergleich mit dem ETF-Depot und der gesetzlichen Rente.
Wie die klassische private Rentenversicherung funktioniert
Man zahlt über 20-30 Jahre Beiträge ein. Im Rentenalter erhält man entweder eine monatliche Rente oder eine Einmalzahlung. Drei Varianten dominieren den Markt:
- Klassische Rentenversicherung: Garantierter Rentenbetrag + Überschussbeteiligung. Aktuell garantierter Rentenfaktor ca. 20-25 EUR/Monat je 10.000 EUR Kapital.
- Fondsgebundene Rentenversicherung: Kein Garantiezins, Beiträge in Investmentfonds/ETF investiert, aber Versicherungsmantel mit hohen Kosten.
- Hybridprodukte: Teil garantiert, Teil fondsgebunden — Kompromiss mit Nachteilen beider Welten.
Die wahren Kosten: Warum private RV oft unterperformt
Private Rentenversicherungen haben mehrere Kostenebenen die selten transparent kommuniziert werden:
| Kostenart | Typische Höhe | Auswirkung auf 30J |
|---|---|---|
| Abschluss- und Vertriebskosten | 3-5% der Gesamtbeitragssumme | Sofortiger Verlust von 3.000-6.000 EUR (bei 100k Gesamtbeiträgen) |
| Laufende Verwaltungskosten | 1-2% des Vertragsguthabens/Jahr | Ca. 30-50% des finalen Kapitals vernichtet |
| Rentenfaktor-Risiko | Aktueller Garantiefaktor sehr niedrig | Break-Even bei klassischer RV: oft 90-95 Jahre |
Rendite-Vergleich: Private RV vs. ETF-Depot
Beispielrechnung: 200 EUR/Monat, 30 Jahre, 7% ETF-Rendite vs. 2-3% private RV nach Kosten:
- ETF-Depot (7% p.a.): ca. 240.000 EUR
- Klassische private RV (2,5% p.a.): ca. 96.000 EUR
- Differenz: ca. 144.000 EUR zugunsten des ETF-Depots
Die 4,5 Prozentpunkte Unterschied klingen klein — über 30 Jahre ist es der Faktor 2,5.
Wann private Rentenversicherung trotzdem sinnvoll ist
Private Rentenversicherung hat echte Vorteile in spezifischen Situationen:
- Langlebigkeitsschutz: Wer 100 Jahre alt wird, bezieht lebenslang Rente — das ETF-Depot ist dann möglicherweise erschöpft
- Steuerlich privilegierte Entnahme: Rente aus privater RV ist nur mit dem Ertragsanteil steuerpflichtig (bei 67: 17% steuerpflichtig vs. 25% Abgeltungssteuer auf ETF-Gewinne)
- Pfändungsschutz: Private RV ist (unter Voraussetzungen) pfändungsgeschützt
- Diszipliniertes Sparen: Wer ohne Versicherung das Geld ausgeben würde — für diese Menschen ist jede Form von Zwangssparen besser als keines
Fondsgebundene RV: Besser, aber immer noch teuer
Fondsgebundene Rentenversicherungen mit ETF-Auswahl klingen gut — aber der Versicherungsmantel kostet 1-1,5% p.a. zusätzlich zum ETF. Bei 100.000 EUR Depot: 1.000-1.500 EUR Mehrkosten/Jahr, die durch die Steuervorteile der Versicherung nur teilweise kompensiert werden.
Fazit: ETF-Depot schlägt private RV fast immer — außer bei Langlebigkeit
Für die Mehrheit der Sparer ist das ETF-Depot der privaten Rentenversicherung renditemäßig deutlich überlegen. Der einzige echte Vorteil der privaten RV ist der Langlebigkeitsschutz — wer plant, sehr alt zu werden, und bereit ist dafür Rendite zu opfern, hat ein Argument für die private RV. Für alle anderen: ETF-Depot aufbauen, im Ruhestand mit 3,5-4% entnehmen, bei Bedarf mit einer günstigen Sofort-Renten-Versicherung (Leibrente) ergänzen.