Der Begriff "Rentenlücke" ist in aller Munde — aber die wenigsten Menschen haben ihre eigene konkret berechnet. Das ist ein Fehler, denn die Höhe der Lücke bestimmt direkt, wie viel man monatlich sparen muss. Wer die Lücke nicht kennt, spart entweder zu wenig oder unnötig viel.
Was ist die Rentenlücke?
Die Rentenlücke = Gewünschtes Netto-Einkommen im Ruhestand − Erwartete gesetzliche Netto-Rente
Wichtig: Beide Werte müssen in derselben Kaufkraft (inflationsbereinigt) verglichen werden. Die Rentenauskunft der DRV gibt den Nominalbetrag — der reale Wert ist nach 30 Jahren deutlich niedriger.
Schritt 1: Gewünschtes Ruhestandseinkommen bestimmen
Faustregel: 70-80% des letzten Nettogehalts. Wer heute 3.000 EUR netto verdient, braucht im Ruhestand ca. 2.100-2.400 EUR netto monatlich für einen ähnlichen Lebensstandard. Gründe warum es weniger sein kann:
- Keine Altersvorsorge-Beiträge mehr
- Kein Arbeitsweg mehr
- Ggf. Eigenheim abbezahlt (keine Miete/keine Tilgung)
Schritt 2: Erwartete gesetzliche Rente ermitteln
Die jährliche Renteninformation der DRV zeigt den erwarteten Rentenbetrag. Wichtig: Der angegebene Betrag ist nominal und enthält keine Steuerabzüge. Im Jahr 2026 liegt der Besteuerungsanteil bei 83% der Rente. Wer 1.500 EUR Rente bekommt und insgesamt 2.000 EUR Jahreseinkommen hat, zahlt kaum Steuern — bei höheren Einkünften steigt die Steuerlast.
Schritt 3: Rentenlücke berechnen
Beispielrechnung für eine 35-jährige Person:
- Gewünschtes Netto-Einkommen mit 67: 2.200 EUR/Monat
- Erwartete gesetzliche Rente (DRV-Auskunft, inflationsbereinigt): 1.400 EUR/Monat
- Rentenlücke: 800 EUR/Monat
Schritt 4: Notwendiges Zielkapital aus der Rentenlücke ableiten
Für 800 EUR/Monat Rentenlücke bei 4%-Entnahmerate:
800 × 12 / 0,04 = 240.000 EUR Zielkapital
Wie viel muss man monatlich sparen, um 240.000 EUR in 32 Jahren (35 → 67) aufzubauen?
| Rendite p.a. | Notwendige monatliche Sparrate |
|---|---|
| 5% (konservativ) | ca. 280 EUR/Monat |
| 7% (historischer ETF-Schnitt) | ca. 185 EUR/Monat |
| 9% (optimistisch) | ca. 120 EUR/Monat |
Warum die Rentenlücke oft größer ist als gedacht
- Inflationseffekt: Die Rente steigt, aber langsamer als die Inflation in manchen Perioden
- Steigende Beitragssätze: Prognosen zeigen GRV-Beitragssatz 22%+ bis 2040 — das Rentenniveau sinkt relativ
- Krankenversicherung im Alter: GKV-Beiträge auf Rente (ca. 14-15%) senken das Netto erheblich
- Lücken in der Erwerbsbiografie: Elternzeit, Teilzeit, Selbstständigkeit reduzieren Rentenansprüche
Welche Instrumente die Lücke schließen
Hierarchie der Effizienz (nach Nettorendite für Durchschnittsverdiener):
- ETF-Depot mit globalem Aktien-ETF (höchste Flexibilität, beste historische Rendite)
- bAV mit Arbeitgeberzuschuss (mindestens den Zuschuss mitnehmen)
- Riester (nur für Gutverdiener mit Kindern lohnend)
- Rürup (nur für Selbstständige und 42%+ Grenzsteuersatz lohnend)
Fazit: Rentenlücke kennen — dann gezielt schließen
Wer seine Rentenlücke nicht kennt, spart ins Blaue. Die Berechnung dauert 30 Minuten mit der DRV-Rentenauskunft und diesem Schema. Das Ergebnis: Eine konkrete Sparrate die auf einem echten Ziel basiert — nicht auf einer Daumenregel. Bei einer typischen Rentenlücke von 600-1.000 EUR/Monat braucht man 180.000-300.000 EUR Zielkapital. Mit einem ETF-Sparplan von 200-300 EUR/Monat und 30 Jahren Anlagehorizont ist das für die meisten Durchschnittsverdiener realistisch erreichbar.