Grundrente — Was sie bringt, wer sie bekommt und warum sie zu kurz greift
Die Grundrente seit 2021: ein wichtiges sozialpolitisches Signal — aber kein Schutz vor Altersarmut. Alle Voraussetzungen, Beträge, Grenzen und was besser wäre.
Auf einen Blick
- Eingeführt Januar 2021 (nach langem politischen Streit: SPD vs. CDU, 2018–2020)
- Mindestvoraussetzung 33 Jahre Grundrentenzeiten (volle Grundrente: 35 Jahre)
- Einkommensgrenze Alleinstehende: 1.250 EUR/Monat — Ehepaare: 1.950 EUR/Monat
- Durchschnittlicher Zuschlag Ca. 75–86 EUR/Monat für Berechtigte
- Empfänger Ca. 1,1 Mio. Menschen (ursprünglich 1,3 Mio. erwartet)
- Größte Gruppe Frauen mit Teilzeit-Biografie und Kindererziehungszeiten
Was ist die Grundrente — und warum gibt es sie?
Die Grundrente ist kein eigenes Rentensystem, sondern ein Aufschlag auf die bestehende gesetzliche Rente. Die Idee dahinter: Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, aber immer wenig verdient — Verkäuferin, Pflegehilfskraft, Teilzeit-Buchhalterin — soll im Alter mehr bekommen als jemand, der nur kurz eingezahlt hat. Ohne die Grundrente galt: Wer 35 Jahre lang 50 % des Durchschnittslohns verdient, hat dieselbe Rente wie jemand, der nur 17,5 Jahre Vollzeit gearbeitet hat. Das empfand die SPD als ungerecht — und setzte die Grundrente nach langem Koalitionsstreit durch.
Die drei Voraussetzungen
1. Mindestens 33 Grundrentenzeiten:
Dazu zählen: Beitragszeiten aus Arbeit, Kindererziehungszeiten (3 Jahre je Kind ab 1992), Pflegezeiten (Pflege von Angehörigen), Zeiten der Wehrpflicht/Zivildienst, bestimmte Krankheitszeiten. Nicht zählen: Schulzeiten, Studium, reine Arbeitslosigkeitszeiten ohne Beitrag.
2. Unterdurchschnittlicher Verdienst:
Die Grundrente gilt nur für Zeiten mit EP zwischen 0,3 und 0,8 pro Jahr. Wer volle EP hat (also Durchschnittsverdienst oder mehr), profitiert nicht — die Aufwertung setzt nur bei Niedrigverdienst an.
3. Einkommensgrenzen:
Das Gesamteinkommen darf nicht zu hoch sein — gemeint ist die Summe aus Rente + Kapitalerträge + Vermietungseinnahmen + sonstigem Einkommen:
| Situation | Einkommensgrenze (voll) | Einkommensgrenze (Auslauf) | Über diesem Wert |
|---|---|---|---|
| Alleinstehende | bis 1.250 EUR/Monat | 1.250–1.600 EUR | Keine Grundrente |
| Ehepaare / Eingetragene LP | bis 1.950 EUR/Monat | 1.950–2.300 EUR | Keine Grundrente |
Im Auslaufbereich (1.250–1.600 EUR) wird das übersteigende Einkommen zu 60 % auf die Grundrente angerechnet, ab 1.600 EUR zu 100 %. Das bedeutet: Wer als Alleinstehende 1.450 EUR Gesamteinkommen hat, bekommt die Grundrente um 200 × 60 % = 120 EUR reduziert.
Wie wird die Grundrente berechnet?
Die Berechnung macht die Deutsche Rentenversicherung automatisch — kein Antrag nötig. Die Rentenpunkte aus Niedriglohn-Jahren werden aufgewertet. Konkret: EP zwischen 0,3 und 0,8 werden verdoppelt, dann auf maximal 0,8 EP begrenzt.
Beispiel: Wer 35 Jahre lang 50 % des Durchschnittslohns verdiente, hat 35 × 0,5 EP = 17,5 EP gesammelt. Durch die Grundrente wird jedes dieser 0,5 EP auf 0,8 EP aufgewertet → Effekt: ca. 10,5 EP zusätzlich → ca. 413 EUR/Monat mehr. Aber: Die Einkommensanrechnung reduziert das in der Praxis erheblich — die meisten bekommen nur 70–86 EUR/Monat.
Wie viele Menschen profitieren wirklich?
Die Bundesregierung hatte bei Einführung 1,3 Mio. Empfänger erwartet. Tatsächlich sind es ca. 1,1 Mio. — aus zwei Gründen:
- Die Einkommensanrechnung schließt mehr Menschen aus als erwartet: Wer eine eigene Rente von 1.200 EUR hat, bleibt gerade noch unter der Grenze — wer zusätzlich 100 EUR Kapitalerträge hat, liegt schon drüber.
- Viele potenzielle Empfänger haben die 33 Jahre nicht erreicht — besonders Menschen mit langen Arbeitslosigkeitsphasen.
Die größte Empfängergruppe: Frauen mit langer Teilzeit-Biografie und mehreren Kindern. Der typische Grundrenten-Empfänger: Eine Frau, die 35+ Jahre in Teilzeit und Kindererziehung verbracht hat, eine Rente von ca. 900–1.100 EUR bezieht und keine nennenswerten Kapitalerträge hat.
Die ehrlichen Grenzen der Grundrente
Die Grundrente ist ein wichtiges sozialpolitisches Signal — aber kein wirksamer Schutz vor Altersarmut:
- Durchschnittlicher Zuschlag nur 75–86 EUR/Monat — das reicht nicht, um aus einer Rente von 850 EUR auf das Grundsicherungsniveau zu kommen
- Altersgrenze: Wer unter 33 Jahren Beitragszeiten hat, bekommt gar nichts — selbst bei 30 Jahren niedrigstem Einkommen
- Selbstständige und Solo-Selbstständige: Keine Grundrente wenn nicht in der GRV versichert (gilt für Millionen Gig-Worker)
- Grundsicherungs-Empfänger: Die Grundrente wird von der Grundsicherung nur bis zu einem Freibetrag von 212 EUR nicht angerechnet — wer Grundsicherung bezieht, hat wenig Netto-Vorteil
- Finanzierungsdiskussion: Die Grundrente kostet den Staat ca. 1,3–1,5 Mrd. EUR/Jahr — ein relativ kleiner Betrag für eine Reform mit hohem politischem Symbolwert
Das Altersvorsorgedepot als bessere Ergänzung
Wer potenziell Grundrente bekommen wird — Teilzeitbeschäftigte mit langer Berufslaufbahn, Menschen mit wechselhafter Erwerbsbiografie — profitiert besonders stark vom neuen Altersvorsorgedepot ab 2027:
- GrundzulageWas ist Grundzulage?Staatlicher Zuschuss zum Altersvorsorgedepot: 50% auf die ersten 360 EUR, 25% auf 361-1.800 EUR Eigenbeitrag. Maximal 540 EUR pro Jahr.
Mehr erfahren → 540 EUR/Jahr: Wer nur 60 EUR selbst einzahlt, bekommt 90 % vom Staat - KinderzulageWas ist Kinderzulage?Zusätzliche staatliche Zulage von bis zu 300 EUR pro kindergeldberechtigtem Kind pro Jahr. Wird als 1:1-Matching des Eigenbeitrags gewährt.
Mehr erfahren → 300 EUR je Kind: Für Eltern mit mehreren Kindern besonders wertvoll - Niedrige Beitrags-Schwelle: Schon ab kleinen monatlichen Beträgen förderberechtigt
Im Gegensatz zur gesetzlichen Rente, bei der niedrige Beiträge zu niedrigen Ansprüchen führen, "hebeln" staatliche Zulagen beim Depot den kleinen Eigenbeitrag überproportional.
Häufige Fragen zur Grundrente
Muss ich die Grundrente beantragen?
Nein. Die Deutsche Rentenversicherung berechnet sie automatisch bei der Rentenfestsetzung und prüft die Einkommensgrenzen eigenständig (Datenaustausch mit Finanzämtern).
Was zählt alles zu den 33 Jahren?
Versicherungspflichtige Arbeit, Kindererziehungszeiten (3 Jahre je Kind ab 1992), Pflegezeiten, Wehrpflicht/Zivildienst, bestimmte Krankengeld-Zeiten. Nicht: Studium, reine Arbeitslosigkeit ohne Beitrag, Auslandszeiten ohne Abkommen.
Gilt die Grundrente auch für bereits laufende Renten?
Ja. Wer bereits in Rente ist und die Voraussetzungen erfüllt, bekommt die Grundrente rückwirkend ab dem Einführungsdatum (01.01.2021) — oder ab dem Rentenbeginn wenn dieser nach 2021 lag.
Bekomme ich weniger Grundrente wenn mein Partner gut verdient?
Ja. Die Einkommensanrechnung gilt für das gemeinsame Haushaltseinkommen bei Verheirateten/eingetragenen Lebenspartnerschaften. Wer verheiratet ist und der Partner gut verdient, bekommt weniger oder keine Grundrente.
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Häufige Fragen
Was ist das Altersvorsorgedepot?
Das Altersvorsorgedepot ist ein staatlich gefördertes Wertpapierdepot für die private Altersvorsorge. Es ersetzt und verbessert die Riester-Rente: statt teueren Rentenversicherungen können günstige ETFs bespart werden. Förderung: Grundzulage 540 EUR/Jahr + Sonderausgabenabzug.
Was ist der Unterschied zum normalen ETF-Depot?
Normales Depot: keine staatliche Förderung, Abgeltungsteuer auf Gewinne sofort. Altersvorsorgedepot: staatliche Zulage, Steuerstundung in der Ansparphase (kein Zugriff des Fiskus), günstigere Besteuerung im Rentenalter. Dafür: Kapital erst ab Rentenalter verfügbar.
Wie eröffne ich ein Altersvorsorgedepot?
Schritt 1: Anbieter wählen (Trade Republic, ING, DKB etc.). Schritt 2: Depot online eröffnen (Legitimation per Video-Ident oder Post-Ident). Schritt 3: ETF-Sparplan einrichten. Schritt 4: Zulagenantrag beim BZSt stellen (meistens automatisch durch Anbieter).
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