Auf einen Blick
- Beitragssatz heute 18,6 Prozent (je 9,3% Arbeitnehmer + Arbeitgeber)
- Prognose 2035 22,3 Prozent
- Mehrbelastung bei 3.000 € Brutto ca. 55 Euro netto pro Monat weniger
- Grund Babyboomer-Renteneintritt 2025–2035
- Rentenniveau gesichert bis 2031 — danach ungeklärt
Im Bundestag-Dokument zum Rentenpaket II steht eine Zahl, an der man nicht einfach vorbeikann: Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung soll laut Prognosen des Instituts der deutschen Wirtschaft und der Bundesregierung bis 2035 auf rund 22,3 Prozent steigen. Heute liegt er bei 18,6 Prozent. Das klingt nach einer abstrakten Prozentzahl. Es ist aber eine direkte Auswirkung auf jeden Gehaltszettel.
Bei einem Bruttolohn von 3.000 Euro zahlen Arbeitnehmer heute 279 Euro in die Rentenversicherung. Bei 22,3 Prozent wären es 334,50 Euro — also 55 Euro mehr pro Monat, die vom Netto abgehen. Auf das Jahr gerechnet sind das 660 Euro, die nicht mehr für Altersvorsorge, Miete oder Freizeit zur Verfügung stehen. Für Besserverdiener fällt die Mehrbelastung proportional höher aus.
Warum der Beitragssatz steigt — und warum das unvermeidlich ist
Das deutsche Rentensystem funktioniert nach dem Umlageverfahren: Die Beiträge der heute Arbeitenden werden direkt an die heutigen Rentner ausgezahlt. Es gibt keinen Kapitalstock, kein angelegtes Vermögen. Was heute eingezahlt wird, geht heute raus.
Dieses System funktioniert, wenn das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern stabil bleibt. Genau das ist es nicht mehr. Die Babyboomer — Menschen, die zwischen 1955 und 1970 geboren wurden, also die geburtenstarken Jahrgänge — gehen gerade in den Ruhestand. Gleichzeitig kommen deutlich weniger junge Menschen nach. Das Verhältnis kippt, und der Beitragssatz muss steigen, um die versprochenen Renten zu finanzieren.
Das Rentenpaket II hat versucht, mit einem "Generationenkapital" — einem staatlichen Aktienfonds — die Lücke zu verkleinern. Die Schätzungen, wie viel das hilft, sind bescheiden. Das IW Köln rechnete vor, dass dem System bis 2035 rund 34 Milliarden Euro pro Jahr fehlen werden. Das Generationenkapital kann davon nur einen kleinen Teil auffangen.
Was das konkret für Menschen zwischen 30 und 50 bedeutet
Wer heute 35 ist, wird bis zur Rente noch 30 Jahre lang Beiträge zahlen. Die ersten zehn davon zu steigenden Sätzen, während die Babyboomer das System maximal belasten. Die eigene Rente, die man am Ende erhält, wird auf einem strukturell niedrigeren Niveau liegen als die der jetzigen Rentnergeneration — weil das Rentenniveau nach 2031 nicht mehr gesetzlich gesichert ist.
Das ist keine Panikmache. Es ist eine nüchterne Beschreibung eines demografischen Prozesses, der sich in den vergangenen 30 Jahren angekündigt hat. Wer sich damit auseinandersetzt, kann handeln. Wer nicht, verlässt sich auf eine Basis, die absehbar kleiner wird.
Die doppelte Belastung: Wer 2035 noch im Berufsleben ist, zahlt höhere Rentenbeiträge — und bekommt trotzdem eine strukturell niedrigere Rente als heutige Rentner. Das ist die Demografie-Falle: Man zahlt mehr für andere, bekommt aber selbst weniger zurück, weil noch weniger Einzahler für die eigene Rente vorhanden sein werden.
Drei Reaktionen — und welche klug ist
Die erste Reaktion ist Resignation: "Das System ist ungerecht, aber ich kann nichts ändern." Stimmt, dass man den Beitragssatz nicht selbst bestimmen kann. Falsch, dass man nichts tun kann.
Die zweite Reaktion ist Pessimismus: "Das System bricht sowieso zusammen." Auch falsch. Das deutsche Rentensystem hat eine lange Geschichte der Anpassung. Es wird nicht kollabieren — es wird einfach weniger zahlen als früher. Das ist der Punkt.
Die dritte Reaktion ist pragmatisch: Die gesetzliche Rente als das behandeln, was sie wahrscheinlich sein wird — ein solides Grundeinkommen im Alter, aber kein Vollversorgungssystem. Und private Altersvorsorge, ob via ETF-Sparplan, Altersvorsorgedepot oder beides, als notwendige Ergänzung aufbauen.
Der Beitragssatz von 22,3 Prozent ist in gewisser Weise eine Subvention der heutigen Rentner durch die jüngere Generation. Diese Generation sollte für sich selbst genauso konsequent vorsorgen — nur eben auf dem Kapitalmarkt, wo Zinseszins statt Demografie die Logik ist.